Autographen und Buecher

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Von echten und falschen Autographen - Vortrag im Weimarer Goethe- und Schillerarchiv

Musik: Eberhard Köstler (Saxophon), Andreas Buchmann (Bass)

"Immer oder doch zumindest oftmals, wenn ich Gästen ein paar Blätter aus meiner Handschriftensammlung zeige, endet ihre neugierige Ehrfurcht vor den erlauchten Schriftzügen in die Frage: 'Aber, sind Sie auch sicher, daß diese Blätter echt sind?'" 

Mit diesen Worten beginnt ein Aufsatz, den Stefan Zweig, selber einer der bedeutendsten Autographensammler aller Zeiten, 1927 erstmals veröffentlicht hat. Seine Betrachtung trägt den Titel "Von echten und falschen Autographen", und ich habe diesen Titel für meinen heutigen Vortrag dort entlehnt. Denn die Frage "Echt oder falsch?" tritt jedem, der sich mit Autographen beschäftigt, auch heute noch mit unverminderter Häufigkeit entgegen; er muss sie sich oft genug selber stellen. "Echt oder falsch?" - das ist die Frage an der sich im Autographenwesen alles entscheidet, denn nur das "Echte" hat seinen inneren, aber auch materiellen Wert, während das "Falsche" – von wenigen weiter unten erwähnten Ausnahmen einmal abgesehen – als in jeder Hinsicht wertlos in den Papierkorb der Kulturgeschichte fällt.

Die Autoritäten von Stefan Zweig bis hin zu Günther Mecklenburg in seinem 1963 erschienenen Standardwerk "Vom Autographensammeln" versuchen  zwar, uns zu beruhigen: "Tatsache ist, dass ernstzunehmende Fälschungen deutscher Autographen seit Jahrzehnten nicht mehr aufgetaucht sind. Das Wissen um jede Einzelheit aus dem Alltagsleben der Großen, die Kenntnis ihrer Handschrift in allen zeitlichen Variationen, die Stilkritik und Editionstechnik haben sich ebenso wie die optischen und chemischen Hilfsmittel zur Beurteilung des Stofflichen einer Handschrift so vervollkommnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gelingens gleich Null wäre, und ein Autographenfälscher vor der unlösbaren Aufgabe stände, seinen Arbeits- und Zeitaufwand in ein angemessenes Verhältnis zum Ertrag zu bringen [...] Die Enge und Empfindlichkeit des Autographenmarktes bringen es [...] mit sich, dass ein Fälscher sehr schnell Schiffbruch erleiden würde." Ja - diese beruhigenden Worte entspringen einer Jahrzehnte langen Erfahrung mit Autographen und der Tatsache, dass es insgesamt viel mehr echte als falsche oder auch nur zweifelhafte Stücke gibt, aber es gibt sie eben doch, und in größerem zeitlichen Abstand gelingen eben doch immer wieder dort bedeutende Coups, wo geschickte Betrüger auf allzu gutgläubige Erwerber treffen. Der Glaube an die Echtheit der Autographen und ein Mangel an Skepsis sowie daraus folgender genauer Überprüfung spielen dem Kaufwilligen immer wieder einmal einen Streich. Leider fehlt bis heute eine gründliche und mit Beispielen belegte Arbeit über falsche und zweifelhafte Autographen, obgleich eine größere Anzahl von Einzelstudien durchaus eine ausreichende Grundlage dafür böte.

Dass es der Glaube an die Echtheit des Autographs - ähnlich wie der Glaube an die Echtheit einer christlichen Reliquie - ist, der nicht nur den Sinn des Käufers, sondern auch den des Händlers zuweilen vernebeln kann, dafür gibt es bereits im 19. Jahrhundert - und unvermindert bis heute - bemerkenswerte Beispiele.

Am berühmtesten und in der Literatur häufig beschrieben ist die sogenannte Affäre Vrain-Lucas. Der Notariatsangestellte und Buchhändler Denis Vrain-Lucas (1818-1881) hatte 1851 den bedeutenden Mathematiker Michel Chasles (1793-1880) - immerhin Lehrstuhlinhaber bei der Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Institut Française - kennengelernt und dessen Vertrauen schamlos ausgenützt. Er verkaufte ihm bis zur Enthüllung der Affäre im Jahr 1869 insgesamt etwa 27.000 meist gefälschte Autographen im Wert von 140.000 Francs, zu deren Herstellung er vorher altes Pergament und Papier in Form von unbeschrifteten Seiten aus alten Handschriften und Büchern der Bibliothèque Nationale stahl, wo er sich als Archivar und Paläograph ausgab. Dort studierte er auch Originalunterlagen, die er als Grundlage für seine Fälschungen verwendete. Allerdings machte ihn sein Erfolg, wie es scheint, etwas zu übermütig, und führte dazu, dass er 1869 zu einer Strafe von zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Erst während des Prozesses und der Beweisaufnahme wurde der ganze Umfang des Betrugs offenbar:

Bereits 1867 hatte das Opfer Michel Chasles der Akademie der Wissenschaften in Paris einen einzigartigen "Fund" mitgeteilt: in einem Brief, den angeblich Blaise Pascal an Sir Isaac Newton geschrieben hatte, ließ der Fälscher Vrain-Lucas Pascal das Gesetz der Schwerkraft entdecken - natürlich zum Ruhme der französischen Nation. Das löste zunächst scharfe  Debatten aus, bis der Biograph Newtons darauf hinwies, dass der Empfänger des Briefes im Jahr 1654, auf das das Schreiben datiert war, erst elf Jahre alt und damit vielleicht doch nicht der passende Adressat für Pascal und dessen angebliche Entdeckung gewesen sein könne. Daraufhin nahm Chasles, der bis zum Ende der Gerichtsverhandlung gegen Vrain-Lucas von der Echtheit seiner Schätze überzeugt war, eine Überprüfung durch Sachverständige vor. Am schwersten gibt uns heute zu denken, dass alle Fälschungen zum Ruhme der Grande Nation in einem fingierten Altfranzösisch abgefasst waren, auch die angeblichen sensationellen Briefe von Julius Caesar an Vercingetorix, Liebesbriefe von Kleopatra an Julius Caesar und Marcus Antonius, ja sogar von dem auferweckten Lazarus und von Jesus selber. Zur Erheiterung der Anwesenden ließ der Richter während des Prozesses einige Produkte des Fälschers verlesen. Darunter war ein reuiger Brief des Pontius Pilatus an Kaiser Tiberius, in dem Pilatus den Tod Christi bedauerte, ein Schreiben des Vercingetorix an Pompeius sowie ein Schreiben Alexanders der Großen an Aristoteles, in dem dieser dem Philosophen vorschlug, in Gallien das einheimische Brauchtum zu studieren. Zur Erlangung dieser "Schätze" hatte Chasles sogar Vorkasse geleistet. Anzeige hatte er erstattet, weil eine bereits bezahlte Lieferung von 3000 Autographen nicht rechtzeitig eingetroffen war. 

Etwas weniger spektakulär ging der bekannteste deutsche Autographenfälscher des 19. Jahrhunderts zu Werk. Georg Heinrich Karl Jakob Viktor von Gerstenbergk, ein in Weimar lebender Bauingenieur und Geometer,  ließ sich von der notorischen Seltenheit von Schiller-Manuskripten ebenso wie von der ungebrochenen Nachfrage bei Sammlern dazu anregen, solche Stücke in größerer Anzahl gewerbsmäßig zu fabrizieren und über unverdächtige und gutgläubige dritte Personen, wie die Witwe Riemer, in Umlauf zu bringen. Schiller selbst hat bekanntlich seine Werkmanuskripte bewusst vernichtet, da er seine Arbeiten nur in gedruckter Form als der letztgültigen auf die Nachwelt kommen lassen wollte. Was bei seinem Tod noch vorhanden war, wurde von den Erben in mehr oder weniger kleine Fragmente zerschnitten, um die Nachfrage nach handschriftlichen Schiller-Reliquien wenigsten halbwegs befriedigen zu können. Als nichts mehr vorhanden war, stieß Gerstenbergk in die Lücke. "Er kopierte in nachgeahmter Schillerscher Handschrift Gedichte und Dramenteile aus dessen gedruckten Werken - hier und da mit kleinen Änderungen oder Weglassungen, um Originalität vorzutäuschen [...]" (Mecklenburg S. 109). Allerdings rief das massenhafte Auftreten der bisher so seltenen Schillerautographen misstrauische Spezialisten auf den Plan und bereits 1856 erfolgte Anklage, Prozess und Verurteilung in Weimar. Im Prozess wurden über 400 Schillerfälschungen als Beweise präsentiert, und der Fälscher landete zwei Jahre hinter Gittern. Noch im selben Jahr erschien eine sehr scharfsinnige, heute noch lesenswerte, Analyse von Originalen und Fälschungen aus der Feder von A. Vollert. Gerstenbergk'sche Schillerfälschungen sind nach wie vor im Umlauf und - korrekt als Fälschungen beschrieben - beliebte Sammelstücke auf Autographen-Auktionen, die Preise von mehreren hundert Euro erzielen (z. B. 2011 bei Stargardt 750 Euro für eine gefälschte Buchbestellung).

Mir waren diese Preise immer zu hoch, aber glücklicherweise konnte ich vor wenigen Monaten endlich eine „echte“ Fälschung für nur 200.- Euro ergattern, die ich Ihnen gerne vorzeige. An typischen Merkmalen für eine Fälschung sehen wir hier das Papier, etwas gebräunt und fleckig, das wohl das herausgeschnittene Vorsatzblatt eines Buches ist - Druckpapier unterscheidet sich deutlich von Schreibpapier - sowie die etwas zittrige, wie gemalt wirkende, etwas mühsam nachgeahmte Schrift in blassbrauner Farbe. Außerdem ist kein Fall bekannt, in dem Schiller einzelne Verse aus seinen Gedichten als Gefälligkeitsschrift aus der Hand gegeben hätte. Ich habe übrigens mein Blatt mit den in Marbach am Neckar aufbewahrten Gerstenbergk-Fälschungen verglichen und bin mir - ebenso wie die Marbacher Fachleute - seither nicht einmal mehr sicher, ob es sich um eine "echte" Fälschung von Gerstenbergk handelt, oder ob es eine „gefälschte“ Fälschung und damit das Werk eines bisher unentdeckten Talentes ist.

Ein zweiter deutscher Fälscher, der sich bis heute eines gewissen traurigen Ruhmes erfreut und den schönen Namen Hermann Kyrieleis trägt, war im Zivilberuf Kolonialwarenhändler und spezialisierte sich nach 1890 auf falsche Luther-Autographen. Er verzierte - oft inkomplette - Reformationsdrucke, die er vergleichsweise billig erwerben konnte, mit falschen Widmungen des Reformators. Angeblich hat er über 90 solcher Falsifikate hergestellt, die seine Frau, ärmlich verkleidet und mit einer frei erfundenen Provenienzgeschichte ausgestattet, an die Käufer brachte, darunter namhafte Kenner und Antiquare wie Baer in Frankfurt. 1896 wurde der Betrug entdeckt und das Ehepaar zu einer Strafe von 2 Jahren - das scheint bei Autographenfälschung eine Art Standard gewesen zu sein - verurteilt.

Ein schönes Beispiel für eine Kyrieleis-Fälschung - sein Eintrag von "Ein feste Burg ist unser Gott" im 2. Band einer von Erasmus von Rotterdam besorgten Basler Augustinus-Ausgabe  von 1541 - wurde 2008 in Hamburg für um die 2000 Euro versteigert.

Auch Lessing wurde schon im 19. Jahrhundert von Fälschern "entdeckt". Als unverfängliche Stücke wurden vor allem Bibliotheksleihzettel von Lessing gefälscht und zwar nach einer Vorlage in einem von Wilhelm Dorow herausgegebenen Faksimilewerk. Wolfgang Milde (1934-2011), der Handschriftenfachmann aus Wolfenbüttel, hat 2004 in seinem Beitrag "Zerschnittene, gepauste und gefälschte Lessing-Autographen" (In: FS Winfried Woesler zum 65. Geburtstag, hrsg. von Bodo Plachta, S. 107 ff.) immerhin 4 solcher Blätter in öffentlichen Bibliotheken nachweisen können.

Besonders selten sind echte Handschriften der großen Maler der italienischen Renaissance. Angeblich sollen die italienischen Antiquare in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereitwillig entsprechende Wünsche von naiven Touristen, die dachten, Schriftstücke von Galilei und Michelangelo lägen in Italien nur so herum, durch Fälschungen befriedigt haben. Ein bemerkenswertes Stück, das sich heute bei mir befindet, hat es sogar bis in zwei der bedeutendsten Sammlungen des 20. Jahrhunderts geschafft. Ich habe es vor ungefähr 25 Jahren als Beilage in einem Exemplar von Karl Geigy-Hagenbachs "Album von Handschriften berühmter Persönlichkeiten", einem bis heute nicht ersetzten und unverzichtbaren Faksimileatlas für Autographenfreunde - 1925 in Basel erschienen - erworben. Bei Öffnen des Bandes flatterte mir ein Blatt mit altertümlichen Schriftzügen entgegen, und ich las zu Beginn die Worte "Io michlagniolo [...]" - eine gute Gelegenheit das eben gekaufte Buch auf seinen praktischen Wert zu überprüfen. Zu meinem großen Erstaunen fand ich dort auf Seite 232 mein Schriftstück als originale Schriftprobe des Michelangelo Buonarotti (1474-1564), eines "der größten Künstler aller Zeiten", abgebildet. Da Geigy-Hagenbach (1865-1949) neben Stefan Zweig als einer der bedeutendsten Autographenspezialisten seiner Zeit gilt, konnte das schon stutzig machen. Da es aber nie schadet, eine Gegenprobe zu machen, nahm ich das Buch eines weiteren überragenden Kenners und Sammlers zur Hand. Der Aarauer Arzt Robert Ammann (1886-1960) hat die Früchte seines Sammelns und seines graphologischen Interesses in einem mit Lichtdrucken opulent ausgestatten Buch veröffentlicht. Sein Werk "Die Handschrift der Künstler" erschien 1953 und bildet dort auf Tafel 25 wiederum mein Schriftstück ab - mit allen Einzelheiten, die ein Lichtdruckfaksimile zur Geltung bringt. Amman hat als Graphologe auch gleich eine Interpretation der Schrift mitgeliefert: "Michelangelo schreibt hart, eckig, mit kräftigem Druck und im Raum architektonisch aufgebaut. Seine Schrift wirkt dadurch wuchtig und modelliert, übersichtlich gegliedert, fest und ernst, kraftvoll. Die Mittelzone ist hoch und etwas verengt, vornehme, beherrschte und großzügige Haltung mit Unternehmungslust andeutend."  (S. 24). Diese Worte kennzeichnen zwar sehr gut das Bild, das sich der hochgebildete Ammann von Michelangelo gemacht hat, indes beziehen sie sich leider auf eine Handschrift, die, wie Vergleiche mit unzweifelhaften Originalen in der Vatikanischen Bibliothek zeigen, als relativ plumpe Fälschung nur sehr oberflächliche Ähnlichkeit mit der wirklichen Handschrift Michelangelos hat. Übrigens setzt Ammann Michelangelos Handschrift graphologisch in Gegensatz zu derjenigen Raffaels und bildet dazu eine Handschrift ab, die wahrscheinlich nicht viel echter ist als diejenige Michelangelos.

Immerhin hat aber unser Blatt noch einen weiteren Karriereschritt gemacht, bevor sein Stern, der immerhin über 80 Jahre zwei der bedeutendsten Sammlungen erleuchtet hat, für immer unterging. Nach Robert Ammans Tod 1960 kam seine Sammlung bei der Firma Stargardt, damals in Marburg, zur Versteigerung und damit auch unser fast schon echter Michelangelo, der auf Tafel 111 des Versteigerungskataloges ganzseitig abgebildet ist. Unter der Katalognummer 527 findet sich die Beschreibung: das mit Rom, 7. V. 1513 datierte Dokument quittiert dem Bankier Bini den Erhalt von 1600 Dukaten für das Grabmal des Papstes Julius II. - "Sehr selten" - Schätzpreis 5000 DM. Das markiert gleichzeitig Aufstieg und Fall - denn die Ergebnisliste der Auktion weist keinen Zuschlag aus, dafür stehen im Handexemplar zur Auktion - wie mir der heutige Inhaber Wolfgang Mecklenburg freundlich mitgeteilt hat - die Worte: "Zurückgezogen, da falsch!"

Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, wenn sich die Experten, die erst kürzlich auf ein Buch mit angeblich eigenhändigen wissenschaftlichen Tintenzeichnungen von Galileo Galilei hereingefallen sind, an unseren Michelangelo erinnert hätten, bevor sie den Wert des Buches mit einer Million Dollar eingeschätzt haben. Die Mitspieler in dieser Räuberpistole, die zuerst im "New Yorker" und dann in der Weltpresse ausführlich dargestellt worden ist, sind, bis auf den Initiator des Unternehmens, selbst Betrogene: ein italienischer und ein amerikanischer Antiquar sowie ein Berliner Kunst- und Wissenschaftshistoriker (Horst Bredekamp), der die Echtheit bestätigt hat, spielen Rollen in dem Stück. Regie geführt hat der inzwischen vorbestrafte Glücksritter, Berlusconi-Freund und Bücherdieb en gros Marino Massimo De Caro, der die Fälschung nicht nur bei sehr geschickten argentinischen Handwerkern in Auftrag gegeben, sondern auch gleich die Provenienzgeschichte dazu gedichtet hatte, was immerhin von beträchtlicher Sachkenntnis Zeugnis gibt. 

Es dauerte von 2007 bis Mai 2012, bis ein britischer Historiker aufdeckte, dass das Buch gefälscht ist. Der vorher gutachtende Historiker Horst Bredekamp und andere Experten haben inzwischen den spektakulären Fälschungsfall in dem Buch "A Galileo Forgery" aufgearbeitet. Leider können wir hier diesen äußerst spannenden Fall nicht in allen Einzelheiten nacherzählen und müssen auf die einschlägigen Veröffentlichungen verweisen.

Zwar werden die Fälscher von Autographen meistens relativ rasch enttarnt. Damit ist aber die Gefahr, ein falsches Autograph zu erwerben, leider nicht gebannt, denn die Produkte der Fälscher werden ja meist nicht vollständig aus dem Verkehr gezogen, sondern halten sich, wie das Beispiel Michelangelo zeigt, mitunter sogar in bedeutenden Sammlungen. Hier noch einige Hinweise aus der Literatur und aus eigener Erfahrung. Klaus Mecklenburg hat in einem Aufsatz für die Festschrift Hans Schneider vor gefälschten Smetana-Briefen gewarnt. Sie sind immer an nicht genauer bezeichnete Empfänger gerichtet und enthalten in der Regel inhaltliche Banalitäten. Richard Macnutt hat in der Festschrift für Klaus Mecklenburg einige gefälschte Berlioz-Autographen, die in den 60er Jahren auftauchten, genau unter die Lupe genommen. Auktionen im Internet, bei denen keine oder nur ungenügende Gewährleistung und Garantie übernommen wird, sind ein fruchtbarer Nährboden für Autographen-Gaunereien auch im unteren Preisbereich. Hier werden Farb- oder Fotodrucker-Reproduktionen, deren Vorlagen teilweise aus digitalen Quellen im Internet kopiert wurden, mit ungenügenden oder irreführenden Beschreibungen versteigert und verkauft. Sogar ein Freund von mir hat vor einigen Jahren so für wenig Geld ein vermeintlich signiertes Thomas Mann-Foto erworben - indes: das wahre Original dazu befand sich in meinem Besitz. Auch gefälschte Buchwidmungen werden dort im großen Stil vertrieben und finden über ernsthafte und gutgläubige Sammler manchmal ihren Weg in seriöse Antiquariate, die ihrerseits nichts Böses ahnen, weil sich bei den angebotenen Widmungsexemplaren Echtes mit Falschem mischt. Zum Beispiel hat Thomas Mann seine Widmungen so gut wie immer "auf fliegendem Vorsatz" eingetragen - so auch der Titel eines Sammlungskataloges mit authentischen Widmungsstücken, den der "Verband Deutscher Antiquare" 2012 herausgegeben hat. Daher ist bei Widmungen und Signaturen von Thomas Mann, die auf den Titelblättern relativ wertloser Buchausgaben eingetragen sind, höchstes Misstrauen geboten. Während die Unterschrift noch relativ geschickt einer Schriftprobe aus dem Internet nachempfunden ist, hat meistens der Rest der Widmungsschrift nur noch wenig Ähnlichkeit mit Manns eigener Handschrift und kann höchstens als derb oder plump beschrieben werden. Ähnliche Fälschungen, wohl aus derselben Werkstatt, gibt es in Büchern von Thomas Bernhard, George Bernhard Shaw, Einstein, Ibsen u. a. Häufig finden sich diese Fälschungen in Büchern, die in der ehemaligen DDR gedruckt wurden, was einen Hinweis auf die Herkunft der Fälschungen (möglicherweise aus Böhmen) geben könnte.

Warnen möchte ich schließlich auch vor Autographen aus dem Herkunftsland Kuba. In den letzten Monaten bin ich mehrfach von Kollegen um ein Urteil gebeten worden, nachdem ihnen vermeintliche Autographen von Che Guevara und anderen kubanischen Nationalhelden angeboten worden sind. Ich habe von Ankäufen abgeraten. 

Dass die Signaturen von Dalí, Picasso und Chagall auf Lithographien und Radierungen öfter gefälscht als echt sind, ist schon lange bekannt und eher Gegenstand des Kunst- als des Autographenhandels. Aber erst vor einigen Wochen habe ich einen ganzen Brief mit Unterschrift von Marc Chagall an ein namhaftes Auktionshaus zurückgehen lassen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass weder die Schrift noch wahrscheinlich die Unterschrift von Chagall selber stammte. Die Reklamation wurde anstandslos ausgeführt. 

Insofern ist die von Johannes Brahms in einem Kanon (WoO 29) komponierte Klage "Wann hört der Himmel auf zu strafen | mit Albums und mit Autographen" nicht völlig unberechtigt, insofern es sich nicht um echte, sondern um falsche Autographen handelt. Da kann es nicht weiter verwundern, wenn selbst von diesem Kanon ein gefälschtes Autograph existiert. Es ist in der Vergangenheit immer einmal wieder aufgetaucht - zuletzt im Januar 2015 in Wien - und gab der Johannes Brahms Gesamtausgabe in Kiel und der "American Brahms Society" Anlass, vor dem Erwerb zu warnen.

Die Frage „Echt oder falsch?“ steht in engem Zusammenhang mit der Frage „Wertvoll oder wertlos?“ und damit im Zentrum des Alltags des Autographenhändlers. Kernstück – und meine Lieblingsarbeit – ist die präzise Beschreibung der einzelnen Autographen. Diese dient dem Zweck, die Authentizität des Handschriftlichen und seine historische Verortung in (verkaufsfördernde) Worte zu fassen. Korrekt beschrieben kann demnach auch eine Fälschung "authentisch" und verkäuflich sein - wenn sie denn wie die Gerstenbergk’schen Schiller-Fälschungen als solche erkannt und ausgewiesen werden. Das zu erkennen ist jedoch in vielen Fällen gar nicht so einfach. Irrtümer und Verwechslungen sind auch beim erfahrenen Autographenhändler und -sammler keinesfalls ausgeschlossen. 

Am leichtesten mit etwas Kenntnis zu enttarnen sind Handschriftenfaksimiles, auch wenn sie gut gemacht sind. Geradezu legendär ist das 1859 zu Schillers 100. Geburtstag herausgegebene Faksimile seines Briefes vom 6. November 1782 an die "Theuerste Schwester". Er wird von hoffnungsfrohen Wühlern in Familienhinterlassenschaften so oft angeboten, dass man im Schillermuseum in Marbach seit den Zeiten Paul Raabes und Bernhard Zellers einen Briefvordruck bereithält, um solche Angebote zu beantworten. Zu jenen Faksimiles, die als Erinnerungsstücke gedruckt worden sind, treten jene, die zur Erleichterung der Korrespondenz in Auftrag gegeben wurden. So hat etwa Bismarck die an ihn gerichteten zahlreichen Glückwunschschreiben durch Faksimiles beantwortet, die oft genug vom Empfänger gerahmt wurden und als Familienschatz galten. Es gibt zwar zahlreiche Faksimiles bedeutender Autographen  als Einzeldrucke oder Tafeln in Büchern, aber sie sind zum Glück meistens relativ leicht zu erkennen. Man muss sich nur die Schriftzüge genauer ansehen und besonders auf den  Farbverlauf bei den An- und Abstrichen sowie auf die Kreuzungen der Linien achten. Wo bei der Handschrift - auch bei dunklen Tinten - Binnenfarbunterschiede zu finden sind und man bei den Kreuzungen sieht, wie eine Linie über die andere geht, dort wo die Schriftfarbe sich durchdrückt oder ein erhabenes Relief zeigt, findet man bei Faksimiles in Flachdruck oder Strichätzung nur einheitliche Farbflächen, bei Kupfertiefdruck die typischen sog. rechteckigen "Näpfchen", bei der Heliogravüre und dem Lichtdruck das sog. "Korn". Notfalls hilft ein gutes Vergrößerungsglas, ein "Fadenzähler" oder ein einfaches Taschen-Mikroskop.

Manchmal haben allerdings sogar Faksimiles den Wert einer authentischen Quelle und zwar dann, wenn das Original selbst verschollen ist. Ein Beispiel hierfür ist der bewegende Brief Albert Lortzings aus Wien vom 31. Juli 1848. Lortzing schreibt über Wagner und die 48er Revolution in Dresden und Wien. Von diesem Faksimile gibt es anscheinend nur 3 oder 4 Exemplare, während das Original nicht mehr auffindbar ist. Auch die Kritische Briefausgabe von 1995 folgt diesem Druck. Eine Erklärung dafür steht noch aus.

Eine gewisse Verwechslungsgefahr bieten auch handschriftliche Faksimiles, die im Unterschied zu zeitgenössischen Abschriften versuchen, die originalen Schriftzüge nachzuahmen. Mancher große Geist hat versucht, Schriftzüge anderer zu kopieren, um sich geistig ein bisschen in deren Haut zu versetzen. Bekannt sind die Schriftübungen von Eduard Mörike. Ich habe als Beispiel ein Blatt mitgebracht, das die Schriftmerkmale von Fürst Pückler aufweist - auf der Rückseite findet sich allerdings der Hinweis des späteren Burgtheaterdirektors Heinrich Laube: "Auf der Rückseite, mein Wertbester, das gewünschte Facsilimile des Fürsten Pückler [...]", datiert Leipzig, 18. Mai 1841.

Für die bereits erwähnten zeitgenössischen oder wenig späteren Abschriften gibt es zahlreiche Gründe, deren wichtigster sein dürfte, dass man keine Kopiergeräte oder Scanner hatte, sondern sich alle Abschriften selber machen musste. Als Beispiel kann hier ein Albumblatt mit einem Goethezitat dienen. Personen mit ausgedehnter Korrespondenz pflegten ihre Briefe auch zu diktieren. In beiden Fällen genügt oft ein einfacher Schriftvergleich, um alle Zweifel auszuräumen. Warnen möchte ich nur vor vorschnellen Vergleichen unter Zuhilfenahme von Abbildungen aus dem Internet, denn dort sind ebenso viele zweifelhafte wie echte Autographen digital abgebildet, so dass man nur auf zuverlässige Quellen zurückgreifen sollte.

Ein vielleicht weniger erwartetes Problem stellen falsche Zuschreibungen dar. Bedeutende Persönlichkeiten haben in der Vergangenheit ihre Umwelt bewusst oder unbewusst so stark beeinflusst, dass Familienmitglieder oder Mitarbeiter die Eigenheiten ihrer Schrift übernahmen.  Im deutschen Sprachraum ist das bei Herbert von Bismarck der Fall, dessen Schrift derjenigen seines Vaters, des Reichskanzlers, gleicht, für den er auch korrespondiert hat. Nicht nur Cosima Wagner, sondern auch ihre Töchter gewöhnten sich eine Handschrift an, die man mit derjenigen Richard Wagners verwechseln kann, und die zahlreichen Mitarbeiter von Albert Schweitzer in Lambarene fingen früher oder später an, die kleinen, rundlichen Antiquaschriftzüge ihres Chefs zu übernehmen. Genaues Studium ist hier unerlässlich, um sich nicht zu täuschen. 

Ein ebenso gefährliches wie unterhaltsames Gebiet ist das der zufälligen Namensgleichheiten. Da gibt es nicht nur den sächsischen Komponisten Franz Schubert (1808-1878) und einen Geiger namens Ferdinand Lassalle, es gibt auch zahlreiche Bücher mit Eintragungen "Hölderlin" und "Mörike", die aus den Bibliotheken von Mitgliedern dieser weitverzweigten Familien herstammen, nur nicht von den berühmten Dichtern. Auf diesem Gebiet entdeckt man immer wieder Neues. Man sollte sich nicht allzu sehr wundern, wenn man im Zusammenhang mit einer Bühnentätigkeit auf Autographen von Max Brod trifft. Der elegante Operettenstar - oft mit Strohhut - stammte ebenso wie der gleichnamige Dichter und Kafka-Freund (1884-1968) aus Prag, lebte in etwa zur selben Zeit (1880–1959), war aber einst wesentlich berühmter als der Schriftsteller. Dasselbe gilt für den Boxer Hans Bötticher, der sogar ein Boxhandbuch verfasst hat - leider hat er gar keine Ähnlichkeit mit dem Dichter, auch wenn dieser erst ab Dezember 1919 unter seinem Pseudonym Joachim Ringelnatz bekannt wurde.

Zum Schluss meiner Betrachtung möchte ich Ihnen noch zwei Kuriositäten vorführen, von denen ich selbst nicht recht weiß, welche Einstellung ich dazu einnehmen soll. Ich zeige Ihnen Briefe von vier berühmten französischen Autoren: von André Gide, von Jean Paul Sartre, von Louis Ferdinand Céline und von Blaise Cendrars. Allen ist gemeinsam, dass sie durch Rahmung und Sonneneinstrahlung fast oder ganz vollständig, jedenfalls aber bis zur Unleserlichkeit, verblasst sind. Es sind sozusagen Geisterbriefe, zwar eigentlich echt, aber doch nicht mehr oder nur als Schemen ihrer selbst vorhanden.

Das zweite ist eine kleine Tischdecke aus Leinen, farbig bestickt mit Schriftzügen von Musikern und Schriftstellern, etwa Richard Strauss, Max Reger (mit Noten), Siegfried Wagner, Eugen d'Albert, Ferruchio Busoni, aber auch von Sven Hedin und Roda Roda. Sie stammt aus dem Inventar einer längst untergegangenen Konzert- und Theateragentur in Rostock. Der Überlieferung nach sollen sich die Künstler eigenhändig auf dem Tuch verewigt haben, danach habe die Hausherrin die Schriftzüge überstickt. Eine schöne Geschichte, die man gerne glauben würde, aber vielleicht ist doch alles nur aus anderen Quellen abgepaust? Auch hier hängt die Frage "Echt oder falsch?" eng mit der Frage zusammen, ob man die Überlieferungsgeschichte glauben mag oder nicht. Wie würden Sie entscheiden?

Vortrag im Weimarer Goethe- und Schillerarchiv am 9.7.2015

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