Autographen und Buecher Autographen und Buecher Autographen und Buecher Autographen und Buecher


Autographen und Buecher

Jagen und Sammeln

"O Autographenwüter!"

Heinrich Heine

 

"Sind Sie auch ein solcher Narr, der Handschriften sammelt, die er doch nicht mit in die Ewigkeit nehmen kann?"

Bettina von Arnim an Karl August Varnhagen von Ense


Etwas vom Autographensammeln

Karl Geigy-Hagenbach

Die erste Frage, die sich der Anfänger stellen wird, ist, wie soll ich sammeln und was soll ich sammeln? Diese Frage kann dahin beantwortet werden: wie alles Andere muss auch das Autographensammeln erlernt werden, und kaum einer wird darum herumkommen, Lehrgeld zu bezahlen.

Der Außenstehende könnte zunächst annehmen, dass die berühmtesten Namen die höchsten Preise erzielen. Das ist aber keineswegs der Fall; die Seltenheit eines Namens ist in erster Linie maßgebend. Goethe und Schiller werden nicht am höchsten bezahlt, ältere deutsche Schriftsteller wie Seb. Brant, Logau, Rollenhagen, Simon Dach, Lessing erzielen weit höhere Preise. Schiller ist meist teurer als Goethe, weil ersterer kein so hohes Alter erreichte, gewöhnlich längere Briefe schrieb und sich den Luxus nicht leisten konnte, einen Privatsekretär zu besolden. In England und Amerika sind die Unterschiede noch größer. In Amerika werden Unsummen bezahlt für die Unterzeichner der Unabhängigkeitsakte, die in Europa kein Mensch kennt, - Preise, die weit über den großen Washington hinausgehen. E. A. Poe erzielt Riesensummen, die von den berühmtesten europäischen Namen nicht übertroffen werden. Keats, Fielding, Oliver Goldsmith in England gehen mehrfach über Byron, Dickens und Walter Scott hinaus, und doch sind jene Namen diesseits des Kanals nur noch den Wenigsten bekannt, Goldsmith höchstens, weil er in Zusammenhang mit der Sesenheimer Idylle steht. Auf dem Kontinent wird man für diese Namen den Geldbeutel kaum zu sehr öffnen, sondern die vorhandenen Mittel für Interessanteres sparen. Auch große Sammler werden nicht in Trübsinn verfallen, wenn diese Namen fehlen. Zwei der allergrößsten Namen nehmen einen Platz für sich ein: Shakespeare und Molière. Es ist ein Rätsel, warum gerade diese beiden großen Schauspieler-Dramatiker fehlen, während von ihren Zeitgenossen, namentlich von Fürsten, Feldherren, Staatsmännern und auch von Schriftstellern reichliches Material vorhanden ist. Wir würden einen Wald von Louis XIV-Briefen geben für eine einzige Unterschrift von Molière.

Was nun das Sammeln von modernen Stücken anbetrifft, so ist Vorsicht geboten. Bei älteren Namen, die schon die Feuertaufe der Unsterblichkeit durchgemacht haben, ist die Auswahl verhältnismäßig leicht. Man braucht nur diejenigen Briefe zu wählen, die auch inhaltlich interessant sind. Man wird bei diesen Stücken kaum eine Enttäuschung erleben, da sie meist im Preise steigen. Die modernen Namen sind leider vielfach der Mode unterworfen, und Namen, die vor 20/30 Jahren einen guten Klang hatten und ziemlich hoch bezahlt wurden, sind heute zu höchst bescheidenen Preisen erhältlich. Alte Sammler werden mit einer gewissen Wehmut neue Kataloge durchgehen, in denen Konvolute von 400 Stück von früher sehr begehrten Dichtern mit 100.- M., also 25 Pfg. je Stück bewertet werden. Von großem Interesse und sehr lehrreich ist es, alte Auktionskataloge der berühmten Sammlungen Bovet, Paar, Meyer Cohn, Morisson durchzugehen und die damaligen Preise mit den heutigen zu vergleichen. Man wird erstaunt sein zu sehen, wie viele erste Namen unterwertet oder zu hoch bezahlt wurden, während andere zum Teil heute gar nicht mehr gesammelt werden. Aber nicht alle modernen Namen sind Schwankungen ausgesetzt: Nobel, Hertz, Ohm, Edison, Röntgen, Pasteur, Zeppelin, Amundsen, Stanley u. a. m. sind jetzt schon sehr gesucht, z. T. unauffindbar und werden es auch in späteren Zeiten sein, weil diese Persönlichkeiten in ihren Gebieten bahnbrechend waren. Mit der Zeit muss der Sammler zu einem gewissen Feingefühl gelangen, um das Vergängliche vom Unvergänglichen zu trennen.

Um Autographen von Tagesgrößen wird der ernste Sammler einen großen Bogen machen. Albums mit solchen Eintragungen werden höchstens in Kaffeekränzchen von Damen unter 20 Jahren mit Stolz herumgezeigt.

Das Grundprinzip für den Sammler ist aber, das zu sammeln, was ihn am meisten interessiert, und das wird ihm auch am meisten Freude machen.

Karl Geigy-Hagenbach, Etwas vom Autographensammeln. In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A.  Stargardt, Berlin. Jg. I, Nr. 12, Mai 1937.

Mit freundlicher Genehmigung der Firma J. A. Stargardt, Berlin.


Vom "Autogramm" zum "Autograph". Zur Kultivierung einer Liebhaberei

Günther Preuß-Tantzen

Losgelöst und entbunden von ihrer ursprünglichen Aufgabe, stellt die Handschrift als Autogramm oder Autograph eine neue persönliche Beziehung her. Eine Beziehung, deren sich meist nur der eine Partner, als Beschauer oder Besitzer des betreffenden Wesenszeugnisses, bewusst wird.

Die Selbstschriften bedeutender Menschen haben wohl zu allen Zeiten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine Beachtung, die sich nicht selten zu einem lebhaften Sammlerinteresse verdichtet. Gehört doch die Originalhandschrift als erstes bleibendes Zeugnis von der Wesenheit ihres Urhebers zu den intimsten und wertvollsten aller Erinnerungen.

Losgelöst und entbunden von ihrer ursprünglichen Aufgabe, stellt die Handschrift als Autogramm oder Autograph eine neue persönliche Beziehung her. Eine Beziehung, deren sich meist nur der eine Partner, als Beschauer oder Besitzer des betreffenden Wesenszeugnisses, bewusst wird. Seine Angelegenheit bleibt es, über den offiziellen Ruhm des Großen hinaus, eine besondere und letzte Wertung zu fällen; alle Stufungen und Steigerungen des sich bildenden Fluidums werden durch die Absicht, die geistige Einfühlungsgabe oder seelische Schwungkraft dessen bestimmt, der die Handschrift des unsichtbaren Gegenübers in Händen hält.

In unserer schnelllebigen Zeit steht der bloße Namenszug des vom Scheinwerferlicht des Tages umfluteten Zeitgenossen - das Autogramm - im Vordergrund des Interesses.

Die Bedeutung des Autogramms wird wesentlich durch den Umstand bestimmt, dass Geber und Nehmender dieselbe Gegenwart erleben und sich aus dieser Erlebnisgemeinschaft gewisse Beziehungen ableiten lassen. Dem stehen die Begrenzung durch das kurze Schriftbild des Namenszuges in seiner stereotyp wiederholten Form und die fast immer zweckbestimmende Absicht des Gebenden gegenüber. Wer innerlich über die objektive Beziehung zu dem mit vielen geteilten Besitz des Autogramms hinauswuchs und das verstärkte Fluidum eines intimeren persönlichen Verhältnisses ersehnt, sucht nach wesenhafteren und stärkeren urschriftlichen Zeugnissen der verehrten großen Namen; vor allem auch solcher, die nicht nur der Gegenwart angehören. An die Stelle der aufgegebenen zeitgenössischen Gemeinschaft (in ihrer mitunter schwankenden Bedeutung) tritt die abgeschlossene historische Wertung.
Hier beginnt die Welt des Autographs, jenes Hand-Werks, das als Brief, Manuskript, Urkunde oder hingeworfene Skizze ursprünglich andern Zwecken als dem, Autograph zu sein, bestimmt war. Denn gerade darin liegt der eigenartige Reiz des Autographs, als ein bis in ferne Zukunft festgelegte Lebensäußerung, dass es seine Aufgabe als Mitteilung oder flüchtiger Ausruf längst erfüllt hat und nun auf diese oder jene merkwürdige Weise dem Schoße der Vergangenheit entsteigt, um abermals und auf besondere Art von der Wesenheit ihres Urhebers Zeugnis zu geben.

Dem, der sich dem eigenartigen Reiz und der Wirkung des Autographs hingibt, erschließt sich eine ganze Skala von Stufungen der Bezugnahme und des Verbundenseins. Der Besitz oder die Betrachtung eines solchen Zeugnisses hebt ihn hinaus und empor über das breite Publikum; die Wirkung der offiziellen Lebensäußerungen der Großen verdichtet sich im Bannkreis der Persönlichkeit zum Fluidum der nahen Beziehung.

Eine weitere Steigerung erfährt der fesselnde Reiz solcher Beziehungen durch die Tatsache, dass es nicht allzu viel Möglichkeiten gibt, in den Besitz von Urschriften zu gelangen. Selbst als Handelsware hat das Autograph noch sein besonderes Schicksal. Dieser oder jener Name wird herausgestellt, wenn nach ihm gefragt wird; andere Stücke bleiben unbeachtet, bis auch sie eines Tages wieder reden dürfen oder, von niemand verlangt, als stumm bleibende Zeugen schließlich in Staub zerfallen. Daneben wandert ein großer Teil von Handschriften alljährlich in die staatlichen und kommunalen Archive und wird so der Möglichkeit des Erwerbs durch Privathand für alle Zeit entzogen.

Vom "Autogramm" zum "Autograph". Zur Kultivierung einer Liebhaberei. Von Günther Preuß-Tantzen. In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A.  Stargardt, Berlin. Jg. I., Nr. 2, Juli 1936.

Mit freundlicher Genehmigung der Firma J. A. Stargardt, Berlin.


Aus der Anfangszeit des Sammelns

Karl Geigy-Hagenbach

Die Firma Stargardt hat mich um einen Beitrag für den „Autographen-Sammler" gebeten und zwar über das Thema:

1. Etwas Grundsätzliches über das Autographensammeln. 2. Etwas Spezielles über meine Sammlung. 3. Eine Episode aus der Anfangszeit meines Sammelns.

Das ist viel für den zur Verfügung stehenden knappen Raum, allein er dürfte genügen, um einige Hauptpunkte zu berühren und, obschon ich kein Freund der Publizistik bin, will ich versuchen, dem Wunsche der Firma Stargardt nachzukommen. Ich fange bei der letzten Frage an.

Im Jahre 1884 war ich in einem Pensionat in Neuenburg (Schweiz). Eines Tages trat ein junger Frankfurter bei uns ein, der am nächsten Tage zu mir aufs Zimmer kam, mit der Frage: "Sammelst du auch Autographen?" - "Was ist das?"- "Das sind Handschriften und Briefe berühmter Persönlichkeiten." - "Wie bekommt man solche Sachen?" - "Man kann sie kaufen, wenn man Geld genug hat."

Ich habe mich schon in früher Jugend für "berühmte Persönlichkeiten" interessiert, und deshalb war mir die Anfrage sofort sympathisch. Dazu kam noch, dass auf dem Tisch unseres Hausherrn der Auktionskatalog der eben versteigerten berühmten Sammlung Alfred Bovet (eines geborenen Neuenburgers) lag, mit den vielen schönen Faksimiles. Ich habe diesen Katalog auf mein Zimmer genommen und ihn eifrig studiert. Der Funke hat gezündet. Mein Freund und ich, wir haben zusammen im Wettlauf an berühmte Männer geschrieben, und die hübschen Antworten bilden noch heute einen Untergrund meiner Sammlung. Außerdem war auf dem Katalog Bovet die Adresse von Etienne Charavay angegeben, der mir dann auf meinen Wunsch hin seinen Katalog sandte, aus dem ich, im Rahmen meiner damaligen Mittel, einige kleinere Sachen bestellt habe. Das war der Beginn meiner Sammlung.

Und nun, wie wird eine Sammlung aufgebaut? Auch da heißt es "Aller Anfang ist schwer" und "Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden".

Für den ernsthaften Sammler kommt es vor Allem darauf an, ein wirkliches Interesse für berühmte Persönlichkeiten zu besitzen. Man wird sich auch hier die nötigen Kenntnisse nur langsam aneignen. Zuerst wird man sich nach Namen umsehen, die jeder kennt.

Ich erwarb am Anfang zwei kleine Stücke von Goethe und Schiller, eine von Goethe unterzeichnete Quittung und einen kleinen Brief von Schiller. Diese Stücke haben mir große Freude bereitet, ich habe sie täglich angesehen; aber nun kommt die Zeit, wo die eigentliche Sammeltätigkeit beginnt. Man will nicht nur die beschriebenen Blättchen betrachten und sich daran freuen, man will auch die Persönlichkeit kennen lernen. Man wird die Biographien zur Hand nehmen und daraus den Weimarer Musenhof kennen lernen. Man liest von Herder, Wieland, Knebel, Eckermann, von den Freundinnen Goethes und Schillers, von Friederike Brion über Charlotte v. Stein zu Ulrike v. Levetzow, und es entsteht der Wunsch, die Briefe der Dichterfürsten auch durch die Briefe der Persönlichkeiten, die sie im Leben umgeben haben, umrahmen zu lassen. Auf diese Weise entsteht die Tätigkeit, die ein großer Schriftsteller in die folgenden trefflichen Worte gekleidet hat: „So steigert sich - und das ist für mein Gefühl das Wunderbarste am Sammeln - Besitz am Wissen und Wissen wiederum am Besitz." Was sich für Goethe und Schiller sagen lässt, kann auch auf andere Gebiete, auf Fürsten, Feldherren, Gelehrte, Musiker, Maler angewendet werden. Ich habe in den letzten 40 Jahren fast ausschließlich Biographien gelesen und auf Grund derselben die größte Anregung für die Entwicklung der Sammlung gefunden. Diese Kenntnisse kann man sich natürlich nur allmählich aneignen. Im Zeitalter der Spezialisierung wird kaum mehr universell gesammelt, das ist bedauerlich, denn jedes Gebiet wird seine großen Anregungen bringen. Andrerseits hat das Spezialisieren den Vorteil, dass die finanziellen Mittel auf ein einziges Feld konzentriert werden, und dieses Feld dann besser ausgebaut werden kann. Ich meinerseits habe nie bedauert, universell gesammelt zu haben, denn es wäre mir schwer gefallen, die Wahl zu treffen, da ich mich für alle Gebiete ungefähr in gleicher Weise interessiere.

Der Anfänger wird sich damit begnügen, schon mit Rücksicht auf die in jungen Jahren beschränkten finanziellen Mittel, kleine Stücke, Albumblätter, bloß unterzeichnete Briefe oder gar nur Unterschriften zu sammeln, und diese Blätter werden dem jungen Sammler vielleicht ebenso viel Freude machen, wie dem gereiften Sammler die großen Stücke. Mit der Zeit wird aber der ernste Sammler, im Rahmen seiner Mittel, an eine Verfeinerung der Sammlung herantreten, er wird viele unbedeutende Stücke abstoßen und dafür wenige gute Stücke kaufen, dann erst wird die Sammlung ein befriedigendes Aussehen erhalten. Zum richtigen Sammeln stehen eine größere Anzahl Faksimile-Werke zur Verfügung, die gestatten, die gekauften Autographen auf ihre Echtheit zu prüfen und ein System in die Sammlung zu bringen. An Hand solcher Bücher kann man einen richtigen Aufbau der Sammlung durchführen; es wird ein Zellengebilde entstehen, in dem sich Name an Name reiht. Das Ziel der Wünsche wird sein, Briefe zu finden, in denen der Schreibende von seinen Werken und Taten berichtet.

Einen großen Mangel habe ich beim Sammeln immer empfunden, nämlich das Fehlen eines Adressbuches für Autographensammler. Der bedeutende Sammler E. Fischer v. Röslerstamm hat es im Jahre 1887 unternommen, die Ausgabe eines solchen Adressbuches durchzuführen. Er hat damals an die größeren Buchhandlungen der verschiedenen Länder Anmeldebogen gesandt zur Verteilung unter die Sammler, mit der Aufforderung, Namen, Adresse und Sammelgebiet einzutragen. Auch die Adressen der Händler waren beigefügt (darunter die der Firma Stargardt). Auf diese Weise sind dann die Kataloge an eine große Anzahl von Sammlern gelangt, und es war für Sammler und Händler wertvoll.

Dem Fehlen eines neuzeitlichen Adressbuches ist es zuzuschreiben, dass ich den Auktionskatalog der großen Sammlung Morrison-London nicht erhielt, wodurch mir eine nie wiederkehrende Gelegenheit zur Erwerbung höchst interessanter Stücke entging.

Das erste Adressbuch von 1887 ist nicht mehr brauchbar, da wohl die meisten Personen verstorben sind, - ich bin einer der wenigen Übriggebliebenen. Heute könnte ein solches Buch leichter zusammengestellt werden, wenn die Händler der verschiedenen Länder ihre Listen zur Verfügung stellen würden. Wenn ich noch 30 Jahre jünger wäre, würde ich selbst die Herausgabe in die Hand nehmen. Mit diesem Wunsche möchte ich meine Betrachtungen schließen.

Karl Geigy-Hagenbach, [Über das Sammeln von Autographen]. In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A.  Stargardt, Berlin. Jg. I, Nr. 6, November 1936.

Mit freundlicher Genehmigung der Firma J. A. Stargardt, Berlin.


Fälschungen und Täuschungen

Karl Geigy-Hagenbach

"Und die Moral von der Geschicht,
In Zweifelsfällen kaufe nicht!"

Die Sammelfreudigkeit wird sehr oft getrübt durch die Furcht vor Fälschungen. Diese Furcht kann sich zu einer Art Psychose auswachsen, sodaß man schließlich in jedem "besseren" Stück eine Fälschung wittert. Aber jeder Sammler, auf welchem Gebiete es auch sein mag, wird von diesem unangenehmen Gefühl begleitet. Der Autographensammler schneidet dabei vielleicht noch am besten ab. Am schlimmsten steht es bei den Gemälden, nicht nur, weil in der Regel bedeutend höhere Werte in Frage kommen, sondern, weil Kopien so täuschend angefertigt werden können, dass sie vom Original kaum zu unterscheiden sind. Es ist z. B. bekannt, dass etwa dreimal so viel Corots existieren, als der Künstler jemals zu malen vermochte.

Den Autographensammler mag es vielleicht beruhigen zu vernehmen, dass mir in meiner 53jährigen Sammlertätigkeit kaum 10 nachgewiesene Fälschungen durch die Hand gegangen sind.

Bekanntlich gab es in früherer Zeit sozusagen berufsmäßige Fälscher von Autographen. Ich will sie der Reihe nach nur kurz skizzieren, weil sie, wenigstens zum Teil, bereits ausführlich in dem trefflichen Werke von E. Wolbe "Handbuch für Autographensammler" behandelt werden; wer sich dafür interessiert - und es lohnt sich, dass man sich dafür sehr interessiert - der möge das betreffende Kapitel in diesem Buche nachlesen.

Der größte und auch der naivste Fälscher war ein Franzose, Vrain-Lucas, aus dessen Werkstatt eine große Anzahl lächerlich anmutender Briefe hervorging, z. B. solche von Sappho an Phaon, Sokrates an Euklid, Alexander der Große an Aristoteles, Caesar an Vercingetorix, der Apostel Matthäus an Maria Magdalena, Lazarus an Petrus usw., alle in altertümlichem Französisch und auf gewöhnlichem Papier. Diesem außergewöhnlichen Betrüger gelang es sogar, diese Stücke einem damals berühmten Gelehrten, dem Mathematiker Chasles, für bedeutende Summen zu verkaufen. Heute würde sich kein Anfänger durch solche Spielereien täuschen lassen.

Ein Fälscher viel gefährlicherer Art war der französische Schriftsteller Feuillet de Conches (1798-1887). Dieser hat französische Briefe aus der Louis XIV.- und Louis XVI.-Zeit in großen Mengen gefälscht, Lafontaine, Racine, Boileau, dann namentlich Marie Antoinette, und zwar so täuschend, dass sie noch heute nicht alle aus dem Markt entfernt werden konnten. Ich selbst habe ein solches Stück von Marie Antoinette besessen, dann habe ich vor wenigen Jahren eine gefälschte Fabel von Lafontaine und in jüngster Zeit einen Brief von Boileau gesehen, beide so täuschend nachgeahmt, dass die Fälschung lange Zeit nicht erkannt wurde. Es wird immer noch daran gearbeitet, solche Stücke aus dem Markte zu nehmen, sobald sie erkannt werden, aber Feuillet hat so fleißig gearbeitet, dass es noch lange dauern kann, bis der Markt gesäubert ist. Beim Kauf von Autographen der genannten Personen empfiehlt es sich, besonders sorgfältig zu sein. Feuillet hat die Fälschungen vorgenommen, um sich das nötige Geld für die Ergänzung seiner eigenen reichhaltigen Autographensammlung durch echte, wertvolle Stücke zu verschaffen. Er hat also einen eigentlichen Veredelungsverkehr eingeleitet.

Ein plumper Fälscher war dagegen ein Engländer namens Ireland, der Shakespeare-Schriftstücke anfertigte, die aber kaum eine Ähnlichkeit mit der Handschrift Shakespeares zeigten. Bekanntlich existieren von Shakespeare nur 6 Unterschriften, die sich alle in englischen Archiven befinden.

Auch Luther wurde früher gefälscht. Ich kann mich erinnern, dass in meinen Knabenjahren, also vor ungefähr 60 Jahren, meinem Vater eine Bibel mit handschriftlicher Eintragung Luthers zum Kaufe angeboten wurde. Die Schrift war eine Fälschung. Diese Art zu fälschen wurde dann in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf breiterer Basis von einem gewissen Hermann Kyrie1eis übernommen. Dieser benutzte, wie der frühere unbekannte Fälscher, Drucke der Reformationszeit, um Widmungen und Sprüche hineinzuschreiben. In den letzten Jahrzehnten ist mir keine Lutherfälschung mehr zu Gesicht gekommen. Es ist also anzunehmen, dass auch die Kyrieleis'schen Fälschungen, die in raffiniertester Weise vorbereitet und ausgeführt wurden, vom Markt verschwunden sind.

Nicht weniger gefährlich sind die Schiller-Fälschungen eines gewissen Gerstenbergk aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Dieser Fälscher hatte sich in Stil und Schrift Schillers so eingeübt, dass er Briefe und Gedichte entwerfen und flüssig schreiben konnte. Diese Fälschungen werfen ihre Schatten zuweilen noch in die heutige Zeit. Vor wenigen Jahren habe ich ein Gedicht "Der Ritter von Toggenburg" erworben. Gleich bei seinem Erscheinen hatte ich Verdacht. Ich untersuchte das Stück nach allen Richtungen, ohne Beruhigung zu finden. Schließlich habe ich es an die Staatsbibliothek Berlin gesandt, die mir bereitwilligst mitteilte, dass es sich um eine Fälschung handle. Nun ist ja bekannt, dass von Schillers Hand nur drei oder vier Gedichte, und zwar nicht die bekannteren, sowie einige Ausschnitte aus "Wilhelm Teil", "Don Carlos", "Phaedra" und dem "Malteser"-Fragment existieren. Alle anderen Gedicht-Manuskripte wurden von Schiller leider nach der Drucklegung verbrannt. Der Autographensammler wird sich also in der Hauptsache mit Schiller-Briefen begnügen müssen und Gedichten mit Misstrauen begegnen. Von Goethe ist bedeutend mehr Dichterisches erhalten, namentlich in den Archiven (Goethe-Schiller-Archiv in Weimar). Die Zeichnungen Goethes sind auch genau zu untersuchen und am besten an das Goethe-Nationalmuseum in Weimar zur Prüfung zu senden.

Das sind in der Hauptsache die früheren professionellen Fälscher, die heute so ziemlich aufgehört haben. Wie ich später zeigen werde, verfügen die heutigen Fälscher über viel einfachere Mittel.

Es ist klar, dass meistens eigenhändige Briefe oder Schriftstücke von hohem Wert gefälscht werden; an modernen Stücken geht der Fälscher meist mit Verachtung vorbei, bei diesen rentiert seine Arbeit nicht. Schriftstücke mit bloßer Unterschrift werden auch nur selten gefälscht, es müsste sich denn schon um ganz außerordentliche Namen handeln. Es lohnt sich nicht, einen Text von fremder Hand zu fälschen, wobei man auf Schrift, Orthographie, Papier usw. achten muss; da fälscht man lieber gleich ganz eigenhändige Briefe.

Eine gewisse Gefahr droht dem Sammler auch durch Täuschungen. Sehr viele berühmte Persönlichkeiten aller Zeiten haben Namens-Doppelgänger und es gilt aufzupassen, dass man nicht auf das falsche Geleise kommt. Zur Prüfung dienen namentlich die Faksimile-Werke. Durch die Vergleichung wird man bald die nötige Aufklärung finden. Schwieriger ist es aber, wenn keine Faksimiles zur Hand sind. Da kann man nur aus dem Inhalt des Briefes Schlüsse ziehen, zum Beispiel wenn die betreffende Persönlichkeit im Briefe eigene Werke erwähnt. Ich selbst bin einmal in dieser Beziehung hereingefallen. Es wurde mir ein Brief von Ulrich von Hutten von privater Seite angeboten. Der Brief war deutsch und nicht, wie gewöhnlich, lateinisch geschrieben. Die deutsche Schrift zeigte allerdings bedeutende Unterschiede von der lateinischen. Nun fand ich aber in den Literaturgeschichten von Dr. C. Busse und von Robert Koenig unter dem Bilde Huttens die deutsche Unterschrift in Faksimile, die genau mit meinem Stücke übereinstimmte. Ich habe mich dabei beruhigt, aber einige Jahre hernach wurde ich durch ein anderes Faksimile-Werk belehrt, dass es sich um die Schrift von Huttens Vater handle. Da ich erst vor zwei Jahren ein ganz ähnliches Stück von Ulrichs Vater sah, das auch für ein echtes angeboten wurde, heißt es aufpassen.

Die Kataloge der Händler enthalten zuweilen selten gesehene Faksimiles. Diese Faksimiles sollte man ausschneiden und registrieren, oder wenn die Kataloge nicht beschädigt werden sollen, so numeriere man dieselben und trage die Seitenzahl des Faksimiles ein. Auf diese Weise kommt man zu einer interessanten Faksimile-Sammlung, die oft gute Dienste leistet.

Sehr schwierig empfinde ich immer die Untersuchung von Musikmanuskripten, denn was im Handel erscheint, sind meistens Fragmente aus einem Musikstück ohne Unterschrift. Wenn dann noch Worte fehlen, so steht man oft vor einem Rätsel. Von den Musikhandschriften der großen Meister gibt es ja allerdings reichlich Faksimiles, allein z. B. bei Bach und Mozart und auch bei Andern zeigt die Notenschrift große Abweichungen. Oft gibt es im gleichen Musikstück eine flüchtige und eine sorgfältige Schrift mit erheblichen Abweichungen. Auch im Laufe der Zeit können sich die Notenhandschriften verändern. Bach hat im höhern Alter in Folge seines Augenleidens vielfach die Hilfe seiner Frau, die eine sehr ähnliche Handschrift, wie ihr Mann hatte, bei der Anfertigung der Manuskripte benützt. Ein Merkmal mag sein, dass bei Bach die Noten-Balken spitz und dolchartig und oft gerundet verlaufen, während sie bei seiner Frau gleichmäßig und gerade sind. Auch wird als Merkmal oft das Wasserzeichen im Papier (ein Halbmond) hervorgehoben. Aber könnte das gleiche Papier nicht auch von seiner Frau verwendet worden sein? Bei Musikmanuskripten sollte man in Zweifelsfällen Fachleute konsultieren, die meist aus dem Texte herausfinden können, woher das Stück stammt.

Das Urteil der Händler, die eine große Erfahrung haben, bietet in den meisten Fällen eine gute Garantie.

In Folge der hochentwickelten Reproduktions-Technik erwachsen dem Sammler oft Schwierigkeiten. Es können heute Faksimiles angefertigt werden, die oft auch für ein geübtes Auge kaum mit Sicherheit bestimmt werden können. Vor einigen Jahren habe ich ein solches Faksimile eines Goetheschen Gedichtes erhalten, das - obschon ich wusste, dass es ein Faksimile war - kaum von einem echten Stück unterschieden werden konnte. Es war ein technisches Meisterstück. Wenn ein solches Stück in 10 oder 15 Jahren in eine Auktion gelangt, so wäre es nicht unmöglich, dass es zu einem hohen Preis einen Liebhaber finden könnte. Solche Stücke sollten mit einem Faksimile-Stempel versehen werden.

Unlängst erhielt ich ein eigentümliches Stück aus der Reformationszeit. Es war ein Schreiben Oecolampads und auf der Rückseite ein Antwortfragment von Zwingli. Es wurde dazu bemerkt, dass Zwingli wohl die leere Rückseite des Oecolampad-Briefes dazu benützt habe, um seine Antwort zu skizzieren. Ein plausibles Argument. Dieses "kostbare" Stück war ziemlich beschmutzt und befleckt, um die Echtheit vorzutäuschen. Ich habe ihm aber gleich misstraut und dann auf unserer Universitätsbibliothek festgestellt, dass das Stück einfach ein Facsimile und einem Reformationswerke entnommen war. Ein anderer Fall der Täuschung war ein Stück des holländischen Dichters Vondel. Ich hatte dieses Albumblatt über ein Jahr in meiner Sammlung und hielt es für vollkommen echt, bis mich ein Holländer darauf aufmerksam machte, dass gerade dieses Gedicht Vondels in Biographien des Dichters als Faksimile aufgenommen werde. Auf der Rückseite des Blattes war ein Tintenklecks von genau der Farbe des Manuskriptes. Als ich die Chlorprobe (von der später berichtet werden soll) machte, verschwand der Klecks. Es war also Tinte, als ich aber dann noch zur Vorsicht die Probe an einer kleinen Stelle des Manuskriptes vornahm, blieb die Schrift bestehen. Also ein Faksimile und eine ganz raffinierte Täuschung. Ich habe hier einige Beispiele "aus dem Leben" geschildert, in der Annahme, dass konkrete Beispiele am belehrendsten wirken.

Und nun die Hauptfrage! Wie schützt man sich möglichst gut gegen Fälschungen und Täuschungen? Ein ganz bewährtes, allgemein gültiges Mittel gibt es leider noch nicht. Außer den Faksimile-Werken, die einen genauen Vergleich erlauben, achte man in erster Linie auf Papier, Tinte, Inhalt des Stückes, Orthographie, usw. Alles muss mit dem Zeitalter des Schriftstücks im Einklang stehen, dann natürlich auch das Datum des Stückes, das in die Lebenszeit des Schreibenden fallen muss, Wasserzeichen usw., und schließlich die obenerwähnte Chlorprobe. Diese letztere Probe wird nur angewendet werden, wenn alle andern Proben nicht zum Ziele führen, denn es ist immer kein kleiner Entschluss, an ein altes, wertvolles und wohlerhaltenes Manuskript mit einer ätzenden Flüssigkeit heranzugehen. Man wird diese Probe auch nur mit der größten Vorsicht vornehmen, in der Weise, dass man eine Schreibfeder in eine Chlorflüssigkeit eintaucht und damit z. B. einen i-Punkt oder Schlußpunkt befeuchtet. [Anm.: Chlorkali bleibt der fettigen Druckerschwärze und der Lithographie gegenüber unwirksam, während es die Tinte angreift. (Wolbe, Handbuch für Autographensammler).] Das genügt oft, um Klarheit zu schaffen.

Ich habe in dieser Beziehung noch eine weitere Erfahrung. Vor etwa einem Jahr wurde mir ein Fragment des französischen Revolutions-Dichters André Chenier zugesandt. Die Schrift stimmte, und doch misstraute ich dem Stücke. In der Annahme, es könnte sich um ein Faksimile handeln, habe ich das Stück der Chlorprobe unterworfen. Kaum berührt, verschwand die Tinte. Daraus habe ich die Fälschung erkannt, das Stück musste mit frischer Tinte geschrieben sein, sonst hätte das Chlor nicht so schnell gewirkt.

Bei Schriften, die vor etwa 150 Jahren geschrieben worden sind, ist die Tinte eingetrocknet, und es braucht geraume Zeit, bis das Chlor wirkt.

Zum Schlusse möchte ich noch erwähnen, dass manche berühmten Gedichte zu Geschenkzwecken mehrfach von den Dichtern geschrieben wurden, wie z. B. Uhlands "Der gute Kamerad" und "Der Schenk zu Limburg", Eichendorffs "In einem kühlen Grunde", Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied und viele Andere mehr. Der Sammler braucht deshalb nicht ängstlich zu werden, wenn er hört, daß das in seinem Besitz befindliche Stück auch noch in einer andern Sammlung vertreten ist.

Der Kauf von Autographen bei Händlern bietet eine vorzügliche Garantie für die Echtheit, denn die Stücke gehen durch die Hände von sehr erfahrenen und erprobten Leuten, die das Verdächtige ausscheiden. Wohl können sich natürlich auch die Händler irren, doch ist die Gefahr bei ihnen bei weitem nicht so groß, als beim Kauf von Privaten, und außerdem wird die Echtheit der Stücke gewöhnlich durch die Händler garantiert.

Jedenfalls soll man sich durch die Furcht vor Fälschungen nicht die Sammelfreudigkeit verderben lassen, immerhin darf man diese Frage nicht leicht nehmen, aber, wie bei allem, erhöht das Studium und die Forschung gerade den Reiz und das Interesse am Sammeln, denn jeder richtige Sammler muß zugleich auch in gewissem Sinne Forscher sein.

Auch für Autographen-Sammler soll der bewährte Satz gelten:

"Und die Moral von der Geschicht,
In Zweifelsfällen kaufe nicht!"

Fälschungen und Täuschungen. Von Karl Geigy-Hagenbach / Basel. In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A. Stargardt, Berlin. Jg. 2, Nr. 7 und 9, Dezember 1937 und Februar 1938.

Mit freundlicher Genehmigung der Firma J. A. Stargardt, Berlin.


Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?

Eduard Fischer von Röslerstamm

Wenn man diese Frage einem Arzte vorlegen wollte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, dass er sie bejahend beantworten würde, und man kann sich ausmalen, mit wie viel Aufwand von Gelehrsamkeit entwickelt werden würde, dass der Staub der Bibliotheken sich aus so und so vielen schädlichen Substanzen zusammensetze, wenn nicht gar noch ein Bücherbazillus dadurch ans Licht gebracht werden dürfte. Und doch ist meines Wissens in keinem der langatmigen Fragebogen, welche die Lebens-Versicherungs-Gesellschaften ihren Klienten vorlegen, die Frage enthalten: ob sich der zu Versichernde besonders eifrig mit Büchern beschäftige, wodurch etwa eine den Bibliothekaren z. B. die Aufnahme erschwerende „Gefahr des Berufs“ konstruiert werden könnte.

Weder Arzt noch Lebensversicherungs-Statistiker, bin ich durch meine Beschäftigung mit Autographen darauf gekommen, in der Zeitschrift für Bücherfreunde auch einmal von den Bücherfreunden zu sprechen. Als ich unlängst zahlreiche Briefe von Bibliothekaren, Bibliographen, Verlegern in meine Sammlung einordnete, überraschte es mich, dass jede einzelne Persönlichkeit, mit der ich mich gerade beschäftigte, ein Lebensalter über Siebzig oder in die Achtziger hinein erreicht hatte. Diese zufällige Beobachtung reizte mich dazu an, eingehendere Nachforschungen anzustellen. Aus dem Zettelkataloge meiner Autographensammlung und aus Hilfsbüchern stellte ich die Lebensdaten von 222 Bibliographen und Bibliothekaren zusammen und fand, dass dieser Kategorie ein Durchschnittsalter von nahe an 69 Jahren zukommt. - Von Verlegern standen mir nicht so viele Daten zu Gebote, denn nicht nur von den Ältesten, die Verleger und Drucker zugleich waren, sondern auch von den späteren Buchhändlern, bis in unser Jahrhundert herab, wissen die biographischen Lexika häufig nur das Sterbejahr, aber nicht das Geburtsjahr anzuführen. Immerhin konnte ich mir auch aus diesem Kreise 105 Namen notieren; und mit dieser Zahl in die Summe der Jahre, die die Einzelnen erreicht hatten, dividiert: gab wieder 69 und noch einen Bruchteil darüber. Weitere Nachforschungen nach dem Durchschnitts-Lebensalter auch der Antiquarbuchhändler hätten mir vermutlich nicht allzuviel genützt, da ich nur wenig Material hätte auftreiben können. Es bedarf aber wohl keines statistischen Nachweises, um uns darüber zu versichern, dass die Antiquare inmitten ihrer alten Bücher selbst alt zu werden pflegen.

Ich bemerke, dass ich jedes nur aufstossende Datum sammelte, dass bei den obigen Ziffern also nicht nur Deutsche - diese sind freilich stärker vertreten - sondern auch andere Nationen berücksichtigt worden sind. Die französischen Bibliothekare und Bibliographen, für sich allein betrachtet, würden etwas unter dem Durchschnitt bleiben; die italienischen dagegen würden ihn erheblich übersteigen.

Dass das Landleben die Menschen nicht alt werden lässt, ist längst erwiesen; den wenigen Hundert- und über Hundertjährigen, welche die ländliche Bevölkerung aufweist, stehen ja so viele Bauern gegenüber, die eines frühen Todes sterben, weil sie sich bei der anstrengenden Feldarbeit, oder Förster, die sich bei einem Pirschgange oder bei einer Inspizierung der Holzarbeiter erkältet haben. Im allgemeinen gilt sogar, dass die Städter etwas länger leben als die Landbewohner, dass eben die bemittelten, gebildeten Stände in der Stadt es auf ein erheblich höheres Alter bringen als die den Unbilden und Schwankungen der Witterung mehr sich aussetzenden Einwohner des flachen Landes.

Unter den besser situierten Städtern zeichnen sich wieder besonders die Gelehrten durch Langlebigkeit aus. Die Statistiken wissen dies schon lange, - ich konnte mir aber bei ihnen keinen Rat holen, da sie gewiss nicht die Kategorien „Bibliographen“, „Bibliothekare“ unterscheiden, sondern, wenn sie nicht nur nach Gymnasiallehrern, Universitätsprofessoren, Privatgelehrten und dgl. klassifizieren, sondern auch Unterabteilungen, wie „Historiker“, „Philologen“ etc. aufstellen, die hauptsächlich mit Büchern beschäftigten Menschen ihrer Spezialwissenschaft, besonders den zwei genannten Disziplinen, zuweisen, und von Bibliophilen erst recht nichts wissen, da sie nur Berufe, aber nicht Liebhabereien verzeichnen. So musste ich denn, um meine den Büchern zugedachte Lebenserhaltungskraft nachzuweisen, mich noch überzeugen, ob nicht den Gelehrten überhaupt dasselbe Durchschnittsalter zukäme, wie den Bibliothekaren etc. Ich nahm mir zu diesem Zwecke in dem sehr handlichen Lexikon von Beeck (das leider keine neue Auflage erlebt hat), da ich doch nicht das ganze Alphabet durcharbeiten konnte, den Buchstaben „M“ vor, der mir bei allen Nationen ziemlich gleichmässig vertreten zu sein scheint, und zog die Gelehrten heraus. Meine Methode ist gewiss kaum über alle Anfechtungen erhaben, aber obwohl wenig Material vorhanden war, ergaben sich doch Resultate, die meine allerdings vorgefasste Meinung glänzend bestätigten.

Unter den ca. 230 Persönlichkeiten mit dem Buchstaben „M“ - Verschiedene, die sich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet haben, mussten doppelt oder mehrfach gezählt werden - wurden von mir 13 (ausschliesslich oder zugleich mit anderen Fächern) der Bibliotheks-Branche resp. den Bibliographen zugezählt; für sie ergiebt sich ein Durchschnittsalter von 74 Jahren. - Nun beachtet die Stufenreihe! Den reinen Büchermenschen mit einem Durchschnittsalter von 74 stehen am nächsten die Litterarhistoriker mit 71 Jahren, welche etwa 40 Prozent der Bibliothekare und Bibliographen liefern. Nächst ihnen rangieren die Philologen im engeren Sinne, die etwa 30 Prozent stellen, mit 69 Jahren; und um so tiefer, als das von mir ermittelte Durchschnittsalter der verschiedenen Gelehrten sinkt, desto geringer wird ihre Beteiligung an den rein bibliothekarischen und bibliographischen Arbeiten und desto weniger sind die einzelnen Fachgelehrten darauf angewiesen, die vorhandene Litteratur für ihre wissenschaftliche Arbeit zu benützen.

Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Büchern und der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen einen fördernden Einfluss auf die Lebensdauer zuzuschreiben. Die geregelte Lebensweise des viel über seinen Büchern Sitzenden, die Gemütsruhe, die in seiner Brust waltet, das Abgelenktsein von Störungen von ausserhalb, von Aufregungen, welche die Politik mit sich bringt: das Alles verlängert den .Bücherfreunden das Leben; aber dass den Büchern und dem Bibliothekenstaub eine absolut schädliche Wirkung auf die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen nicht nachgewiesen werden kann, dürfte aus meiner Statistik denn doch wohl hervorgehen.

Die Buchhändler resp. Verleger mit anderen kaufmännischen oder industriellen Unternehmern auf ihr Durchschnittsalter zu vergleichen, ist unmöglich, da die grossen Kaufleute und Industriellen - von Krämern und Handwerkern von vornherein abgesehen - in den biographischen Lexicis zu dünn gesäet sind; doch ist es wohl auch nicht nötig. Unsere reichen Handels- und Fabrikherrn, die sich pflegen können und die geschicktesten Ärzte und die heilkräftigsten Bäder zur Verfügung haben, um ihre wankende Gesundheit zu befestigen, stellen gewiss auch ein stattliches Kontingent zu der Zahl der Langlebigen, welche die Städte begünstigter erscheinen lassen dem Lande gegenüber. Aber die Leipziger Buchhändlerbörse bringt ihren Interessenten keine Aufregungen und Beängstigungen, wie die Schwankungen ihrer Namenskolleginnen auf dem Fonds- und Effekten-, auf dem Getreide- und Eisenmarkt deren Affilierten bereiten; und deshalb ist es gewiss kein Zufall, dass ich bei Denjenigen, die sich mit „zu lesenden“ Büchern beschäftigen, beinahe dasselbe hohe Durchschnittsalter antraf als bei Denjenigen konstatiert werden konnte, die „schon gelesene“ Bücher oder wenigstens solche, die schon längst hätten gelesen werden können, gewöhnlich in Händen haben.

Ich will noch anführen, dass ich meine aus dem Buchstaben „M“ genommenen Resultate in einem Falle, der die exakten Wissenschaften betrifft, übergreifen zu sollen glaubte. Da die einzigen zwei Neunziger, die Beeck unter den mit „M“ anfangenden Gelehrtennamen anführt, beide Astronomen sind (J. J. de Mairan und Cl. L. Mathieu), glaubte ich zu einer zu hohen Durchschnittsziffer für diese Kategorie gelangt zu sein. Ich schaffte mir deshalb aus dem Buchstaben B bei Beeck ein dreifach grösseres „Beobachtungsmaterial“, und in der That wurde das Durchschnittsalter der Astronomen, Mathematiker, Physiker, Chemiker nunmehr von 67 auf 66 Jahre herabgedrückt, was dem Verhältnisse, das zwischen diesen Gelehrten und alten Büchern besteht, besser entsprechen dürfte. Wenn es unter den Lesern dieses Aufsatzes besonders aufmerksame giebt, die sich mit mir darüber gewundert haben, dass die exakten Wissenschaften so hoch rangierten, so erfahren sie jetzt, an welcher Zufälligkeit das gelegen hat.

Natürlich verhehle ich mir durchaus nicht, dass meine Zahlen keinen „absoluten“ Wert besitzen, da in die biographischen Lexika und in die Autographensammlungen hauptsächlich diejenigen eindringen, welche lang genug lebten, um in ihrem Fache sich einen Namen zu erringen; da ferner weiter zu beachten ist, dass die eigentlichen Wissenschaften oft schon jungen Männern den Lorbeerkranz reichen, der ihnen auch durch einen frühen Tod nicht mehr entrissen wird, während in der Bibliographie gewöhnlich nur Jahrzehnte mühevoller Forschung einen lohnenden Erfolg gewähren. Das könnte ja immerhin einen einseitigen Einfluss auf meine Zahlen ausgeübt haben, aber ich bemerke denn doch, dass die Lebensdaten von Bibliothekaren gewöhnlich nicht verzeichnet werden, wenn die Betreffenden sich nicht in einem wissenschaftlichen Fache ausgezeichnet haben. Ich habe diese Bibliothekare also auch bei ihren eigentlichen Disziplinen noch berücksichtigt und dadurch das Durchschnittsalter vieler Kategorien verstärkt. Andrerseits wurden unter den Bibliographen von mir doch auch manche verzeichnet, welchen keine lange Arbeitszeit - ich erinnere nur an Hain - vergönnt war. Als Amanuensis o. dgl. sterben aber gewiss nicht mehr junge Gelehrte, als der Tod auch beispielsweise unter den Privatdozenten dahinrafft. Also „relativen“ Wert haben meine Zahlen gewiss, und dieser wird ihnen von den Lesern nicht aberkannt werden. Und so nehme ich von ihnen Abschied mit dem Wunsche, dass die jungen Bücherfreunde recht alt und die alten noch älter werden mögen. 

Aus der “Zeitschrift für Bücherfreunde” (1900), wieder abgedruckt im Handbuch 2010 des Verbands Deutscher Antiquare e.V. 


Herzlich zugeeignet - Widmungsexemplare und signierte Bücher

Eberhard Köstler

Die Frage nach dem Wert eines Buches mit persönlicher Widmung steht im Mittelpunkt einer der zahlreichen Anekdoten, die sich um den irischen Schriftsteller und Nobelpreisträger (1925) George Bernard Shaw (1856-1950) ranken. Man erzählt sich, dass Shaw eines Tages in einem Antiquariat eines seiner eigenen Bücher entdeckt habe, in dem er zu seinem Erstaunen eine eigene und persönliche "hochachtungsvolle" Widmung ausmachte. Er erwarb das Exemplar um einen geringen Preis von dem ahnungslosen Antiquar, um es dem ursprünglichen Widmungsträger "mit erneuter Hochachtung" ein zweites Mal zu überreichen (Fadiman, Anne: Ex libris. Übers. von M. Walz. München 2005; S. 73).

Diese Anekdote beleuchtet eindrücklich die unterschiedlichen Wertbegriffe, nach denen man Widmungsexemplare, hier sogar das eines Nobelpreisträgers, beurteilen kann. Der Widmungsträger hatte das Buch offensichtlich als "wertlos" aus seiner Bibliothek aussortiert, der Autor jedoch war über die ihm dadurch entgegengebrachte Geringschätzung in  seiner Eitelkeit gekränkt genug, um dem Adressaten einen freundlichen Denkzettel zu erteilen und damit auf den Wert seiner Widmung deutlich hinzuweisen. Und der Antiquar? Er hatte offensichtlich den Wert der Widmung nicht erkannt, sei es, dass George Bernard Shaw in seinen Augen (noch) keine Berühmtheit darstellte, sei es, dass er die Schrift von Widmung und Signatur nicht entziffern konnte, sei es, dass er die Widmung schlicht übersehen hatte (was zur Freude der Sammler auch heute noch vorkommt).

Was würde das Exemplar mit der doppelten Widmung wohl heute kosten? Nun, vielleicht handelte es sich ja um das 1992 bei der New Yorker Firma Swann versteigerte Exemplar von "Saint Joan" (1924) mit doppelter Widmung aus der Sammlung Epstein, das damals für 1.800 US$ zugeschlagen wurde? Dann dürfte sich der heutige Preis trotz der relativen Häufigkeit von Widmungsexemplaren Shaws wohl, vorsichtig geschätzt, bei etwa 4.000 bis 5.000 Euro bewegen.

Für einen Antiquar kann eine Widmung in einem Buch je nach Sachlage Glück oder Unglück bedeuten. Unglück, wenn eine unbekannte oder unbedeutende Person durch ihren Widmungseintrag, manchmal sogar unschön auf das Titelblatt aufgebracht, einen bibliophilen Druck oder eine erste Ausgabe verunziert, denn damit bedeutet der Eintrag für ihn und seine Kunden eine unter Umständen erhebliche Wertminderung. Hat hingegen ein bekannter Autor sein Werk mit einer Widmung versehen, vielleicht sogar an eine ebenfalls bedeutende Persönlichkeit aus seinem künstlerischen, beruflichen oder privaten Umfeld, ist das Buch dazu eine seltenere erste oder illustrierte Ausgabe und kann man an die Widmung eine Geschichte knüpfen, die das Wesen des Autors in ein helleres Licht stellt, dann findet in der Regel eine bedeutende Wertsteigerung gegenüber dem unbewidmeten Exemplar statt.

→  Weiterlesen


Brahms als Autographensammler

Georg Kinsky

"Wann hört der Himmel auf zu strafen
Mit Albums und mit Autographen?"

"Wenn wir es endlich lassen bleiben,
In's Narrenbuch uns einzuschreiben!"

Die Gilde der Bücher- und Handschriftensammler darf ebenso wie Goethe auch Johannes Brahms mit Stolz zu den ihrigen zählen. Unter den Meistern der Tonkunst ist er der einzige, der ausgesprochene antiquarisch-bibliophile Neigungen besaß, dem Umgang und Beschäftigung mit seltenen Büchern, alten Notendrucken und wertvollen Autographen nicht nur ein ständiger Genuss, sondern ein wirkliches Lebensbedürfnis war, für das er wie alle echten Sammler kein Opfer scheute. Schon in früher Jugend offenbarte sich seine Bücherliebhaberei, zu der sich später (nach dem Hinweis seines Biographen Max Kalbeck) noch die Leidenschaft für Originalausgaben deutscher Dichter, für Kupferstiche und Radierungen - zumal der Blätter Callots und Chodowieckis - und die beutegierige Lust an Handschriften gesellte. Dieser schon früh betriebenen emsigen Beschäftigung mit allen ihm erreichbaren Literaturdenkmälern und Quellenwerken verdankte Brahms seine im vollen Sinne des Wortes selbsterworbene Bildung und seine ausgebreitete Kenntnis auch entlegener Gebiete der Welt- und Kulturgeschichte, des deutschen und fremden Schrifttums, der Musikgeschichte und Musiktheorie, durch die er oft genug selbst Fachgelehrte in Erstaunen setzte. - Zumal nach seiner dauernden Übersiedlung in die Kaiserstadt Wien (1869), als er seinen Lieblingsneigungen sozusagen an der Quelle frönen konnte und ihm die wachsenden Erträgnisse seiner Kompositionen und Konzertreisen allmählich zu behaglichem Wohlstand verhalfen, vermehrten sich seine Sammlungen von Jahr zu Jahr um manche erlesene Stücke. Und nichts bereitete ihm - wie es z. B. Carl Reinecke bezeugt - größere Freude, als seine angehäuften Schätze verständnisvollen Freunden und Besuchern zu zeigen und mit ihnen zu durchmustern.

In einem 1875 an Richard Wagner geschriebenen Briefe bekennt Brahms, dass er, "ohne eigentlich Sammler zu sein, doch gern Handschriften, die ihm wert seien, bewahre." Auf seinen Besitz an Urschriften seiner großen Vorgänger und Zeitgenossen im Bereiche der Tonkunst war er besonders stolz. Die Perle seiner Sammlung war unstreitig die Partitur der g-moll-Sinfonie Mozarts, die ihm 1865 die Prinzessin und spätere Landgräfin Anna von Hessen als wahrhaft fürstliches Dankgeschenk für die Zueignung seines Klavierquintetts Op. 34 gespendet hatte. Andere Hauptstücke seiner Autographenmappen waren die unter dem Namen der "Sonnenquartette" bekannten sechs Streichquartette Haydns vom Jahre 1772, eine Menge Skizzenblätter Beethovens, eine vom Meister verbesserte Abschrift der "Missa solemnis" und ein umfangreiches Skizzenbuch zur Hammerklaviersonate Op. 106, die dem Sänger L. Berger gewidmeten sechs Lieder C. M. v. Webers Op. 15, die Motette "Mitten wir im Leben sind" (Op. 23 Nr. III) von Mendelssohn, die "Davidsbündlertänze" Op. 6, drei Orchesterwerke - die d moll-Sinfonie Op. 120 in der ersten Fassung, Ouvertüre, Scherzo und Finale Op. 52 und die Ouvertüre zur "Braut von Messina" Op. 100 - und der Klavierauszug der "Szenen aus Goethes Faust" Robert Schumanns, drei Stücke Chopins, die Ballade "La mort d'Ophelie" von Berlioz, vier Ouvertüren Joachims, Heines Lied vom Fischermädchen in der Vertonung Grillparzers, ein Klavierstück Liszts, der Konzertschluss zum Vorspiel zu "Tristan und Isolde" von Richard Wagner, mehrere Manuskripte Clara Schumanns u. a. in. Eine besonders reichhaltige Gruppe bildeten die Handschriften Franz Schuberts, darunter der Streichquartettsatz in c-moll, die Lieder "Der Wanderer", "Morgenlied", "Der zürnenden Diana" und über 90 der anmutigen Tänze (Deutsche, Ländler und Ecossaisen), denen Brahms' besondere Liebe galt.

Dazu kam noch eine gewichtige Anzahl eigener Schöpfungen: außer seinem Hauptwerk, dem "deutschen Requiem" Op. 45, das er schon zu Lebzeiten (1893) der Gesellschaft der Musikfreunde auf deren Wunsch übergeben hatte, u. a. die Kammermusikwerke Op. 99, 101, 111, 115, das Doppelkonzert Op. 102, die Fest- und Gedenksprüche Op. 109, die vier ernsten Gesänge Op. 121 und sein Schwanengesang, die Choralvorspiele für Orgel Op. 122. Dass Brahms die Selbstschriften seiner späteren Werke zurückbehielt und seinem Verleger Simrock Abschriften als Druckvorlagen sandte, ist einer Anregung Kalbecks zu danken, der ihn darauf hinwies, dass er durch die Überlassung seiner Manuskripte dem Verleger mindestens dreimal soviel schenkte als sein Honorar betrug. (Die "Probe aufs Exempel" lieferte der 1901 bezahlte Kaufpreis von 36.000 Schw. Franken für die Partitur der 4. Sinfonie, die Züricher Verehrer dem Komponisten Friedrich Hegar zu seinem 60. Geburtstage als Geschenk überreichten).

Die gesamten Musikautographen aus Brahms' Besitz sind ungeteilt zusammengeblieben und als kostbares Vermächtnis der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zugefallen. Die in nicht rechtsgültiger Form abgefasste Niederschrift seiner letzten Willenserklärung hat es leider verschuldet, dass die zu seiner Sammlung gehörenden belangreichen literarischen Manuskripte nebst den Musiker- und Dichterbriefen nicht ebenfalls in das Museum der eigentlich zu seiner Universalerbin bestimmten Gesellschaft gelangt, sondern später verstreut worden sind. Dazu zählten u. a. der Cholera-Aufsatz Ludwig Börnes, "Einige Worte über Musik" von Schopenhauer, Gedichte G. Fr. Daumers, die "Nachhaltige Dorfgeschichte" Gottfried Kellers, Entwürfe zu Operntexten Turgeniews und Paul Heyses, Briefe von Leopold und Wolfgang Mozart, Beethoven, Cherubini, Goethe, Schiller, Hölderlin (an Hegel), E. T. A. Hoffmann, Keller, Ludwig II. und Richard Wagner usw.

Den vielfachen Anforderungen der landläufigen Autographensammler (oder -jäger) brachte der ohnehin alles andere als schreiblustige Komponist nur sehr geringes Wohlwollen entgegen. Diese Abneigung bekundet sich auch darin, dass er für die von ihm erbetenen Stammbuchblätter gern einen Rätselkanon wählte, bei dem das Rätsel nicht nur in der musikalischen Einkleidung, sondern auch in der Textunterlage zu suchen war. Der Text bestand nämlich nur aus dem einzigen Worte "Wann?" und dem beigefügten Namen Ludwig Uhlands. Nur die Eingeweihten wussten, dass damit des schwäbischen Dichters Stoßseufzer

"Wann hört der Himmel auf zu strafen
Mit Albums und mit Autographen?"

gemeint sei - eine rhetorische Frage, auf die Karl Simrock die boshafte Antwort erteilte:

"Wenn wir es endlich lassen bleiben,
In's Narrenbuch uns einzuschreiben!"

Brahms als Autographensammler. Von Dr. Georg Kinsky. In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A.  Stargardt, Berlin. Jg. II, Nr. 2, Juli 1937.

Mit freundlicher Genehmigung der Firma J. A. Stargardt, Berlin.


Goethe als Autographensammler

Siegfried Reiter

"Ich kann unmöglich wieder gehn, Ich muß Euch noch mein Stammbuch überreichen, Gönn' Eure Gunst mir dieses Zeichen!"

Sammler von Handschriften bedeutender Personen hat es wohl zu allen Zeiten gegeben, und die Liebhaberei an Autographen hat jedenfalls schon lange im Verborgenen geblüht, ehe sie zum Gegenstand öffentlicher Besprechung wurde. Systematisch zu sammeln begann man aber erst vor etwa drei Jahrhunderten in Frankreich, dem alten Sitz der Bibliographen und Bibliophilen, und die in jener Zeit zusammengebrachten Stücke, die sich vornehmlich in den Dienst der historischen Forschung stellten, bilden den Grundstock zur großartigen Autographensammlung der Pariser Nationalbibliothek. Von Frankreich verbreitete sich die Lust des Sammelns nach England, wo das Britische Museum unter seinen Schätzen eine erlesene Sammlung birgt, und schaffte sich in der klassischen Literaturperiode auch in deutschen Landen Eingang. Herrschte doch hier seit langem die sinnige Sitte, Stammbücher anzulegen, die späterhin für den Liebhaber von Eigenschriften namhafter Männer eine der ergiebigsten Quellen bildeten; denn nur aus dem "Album amicorum" manches Studiosen früherer Jahrhunderte - "Ich kann unmöglich wieder gehn, Ich muß Euch noch mein Stammbuch überreichen, Gönn' Eure Gunst mir dieses Zeichen!" lässt Goethe den Schüler zu Mephistopheles sagen - hat sich die Handschrift manches großen Gelehrten älterer Zeit erhalten.

Hatte anfangs beim Sammeln von Selbstschriften das wissenschaftliche Moment den Ausschlag gegeben, so trat dieses nach und nach gegenüber dem psychologischen Interesse in den Hintergrund. In solchem Sinne betätigte sich Goethe als Sammler von Autographen. Ihm war "Vater Gleim", dieser Virtuose der Freundschaft, mit gutem Beispiel vorangegangen, der in seinem "Freundschaftstempel" zu Halberstadt die Bildnisse älterer und neuerer Angehörigen zur dauernden Erinnerung aufstellen ließ und auch eine Sammlung von Handschriften "aus dem unschätzbaren goldenen Zeitalter der Deutschen" sein eigen nannte. Einige von dort stammende eigenhändig geschriebene Blätter vorzüglicher Männer durfte Goethe, wie er an Wilhelm Körte, den Großneffen Gleims, schreibt (13. September 1805), der gegenwärtigen und künftigen Sammlung einreihen, die fortan durch Freundesgunst ansehnlich vermehrt wurde. Den in verschiedenen Berufskreisen wirkenden Freunden, seinem Verleger Cotta in Tübingen, dem Philologen Eichstädt in Jena, dem Naturforscher Blumenbach in Göttingen, unterbreitet Goethe in wiederholten Briefen die Bitte, wenn eine merkwürdige Handschrift alter und neuer Zeit durch ihre Hände gehe, an seine "fromme" Sammlung zu denken; denn fromm sei doch wohl alles, was das Andenken würdiger Menschen zu erhalten und zu erneuern strebe (an Blumenbach, 20. Juni 1806). Besonders seit dem Jahre 1806 war Goethe darauf bedacht, diese Sammlung "sogenannter Autographen"  - die uns heute geläufige Bezeichnung scheint demnach damals noch nicht allgemein im Schwange gewesen zu sein - zu vermehren, "daß er nämlich suchte und wünschte, von bedeutenden Männern der gegenwärtigen und vergangenen Zeit ein eigenhändig Geschriebenes zu erhalten und zu besitzen". Er verfolgte hierbei, wie er an Cotta am 27. April 1806 schreibt, besonders den "löblich" pädagogischen Zweck, seinen damals sechzehnjährigen Sohn August durch diese sinnlichen Zeugnisse auf bedeutende Männer der Gegenwart und Vergangenheit aufmerksamer zu machen, als es die Jugend sonst wohl zu sein pflege. Gleichzeitig erbittet sich Goethe von Cotta die besondere Gefälligkeit, ein Stammbuch anzuschaffen und die "würdigen" Männer in Stuttgart und sonst in Schwaben um die Einzeichnung eines freundlichen Wortes und ihrer Unterschrift in seinem Namen zu ersuchen. Könnte ihm Cotta außerdem noch alte Stammbücher um einen proportionierten Preis verschaffen, auch Briefe und was sich sonst für Denkmäler der Handschriften gelehrter und bedeutender Männer voriger Zeiten vorfänden, so geschähe ihm ein besonderer Gefallen. Ein Blättchen von der Handschrift Herzog Karls würde ja auch wohl irgend zu haben sein. - Einem Brief an Eichstädt (26. Februar 1806), der als Herausgeber der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung ausgedehnte Beziehungen zu den Männern der Wissenschaft hatte, legt Goethe mit dem Dank für das schöne Stammbuch, das man oft genug durchblättern könne, ohne es zu kennen, das Verzeichnis eigenhändiger Briefe merkwürdiger Männer bei, die er schon gegenwärtig besitze. Machten bis jetzt Dichter und ehedem sogenannte Schöngeister deutscher Nation die größte Zahl aus, so hofft er, durch Eichstädts Gefälligkeit auch mit den Sternen mancherlei Größe des philologischen Himmels näher bekannt zu werden. - Endlich richtet Goethe wiederholt an Blumenbach, dem er gelegentlich für einen Boerhaavischen Brief "von großem Wert" zum schönsten dankt, die Bitte, ihm ja doch Handschriften von englischen und französischen merkwürdigen Männern, auch von älteren Deutschen mitzuteilen, da er von Mitlebenden und Kurzverstorbenen viel besitze. Auch bloße Kuverte und Namensunterschriften nehme er sehr gern auf (20. Juni 1806; 23. Februar und 9. Mai 1807).

Bereitwillig kamen die Freunde, außer den genannten auch Friedrich August Wolf, Goethes Wunsch nach, dessen Autographensammlung auf diese Weise reichen Zuwachs bekam. So legt einmal Wolf einem Schreiben an Goethe (18. Juni 1814) "zwei Brieffragmente ein, wovon das eine sich vielleicht mit zu der großen chirographischen Sammlung eignet: es ist von dem Architekten Hans Genelli, Verfasser der Vitruvischen Briefe, und zeichnet den derben, gedrängten Charakter des Mannes nicht übel." Der gleichen Sammlung war auch das undatierte von Wolf an Goethe gerichtete Blatt eingereiht: "Goethio desideratissimo s.[alutem] p.[lurimam] d.[icit] Editor, W." Noch bis in die letzten Lebensjahre hielt Goethe an seiner Liebhaberei fest. Auf ein blaues Briefkuvert hinweisend, fragte er einmal Eckermann (2. April 1829), ob die Handschrift nicht auf einen Menschen weise, dem es groß und frei zu Sinne gewesen, als er die Adresse schrieb. Die sehr freien und grandiosen Schriftzüge betrachtend, riet Eckermann auf Merck, was Goethe mit den Worten verneinte, dass dieser nicht edel und positiv genug gewesen sei. Zelter habe dies geschrieben und Papier und Feder ihn hierbei begünstigt, so dass die Schrift ganz seinen großen Charakter ausdrücke: "Ich will das Blatt in meine Sammlung von Handschriften legen." Goethes großes Beispiel weckte naturgemäß zur Nacheiferung und mit gutem Fug schien es des Strebens der Edlen wert, Eigenschriften bedeutender Menschen in sichere Hut zu bringen. Neben und nach Goethe seien als deutsche Autographophilen hier nur zwei Männer genannt: Varnhagen von Ense und Wilhelm Dorow. Dem durch weitverzweigte Beziehungen zu hervorragenden Zeitgenossen begünstigten Sammeleifer des ersteren danken wir die Erhaltung ungezählter, sonst sicherem Verlust anheimgefallener Blätter, die jetzt in Varnhagens schier unerschöpflichem Nachlaß in der Preußischen Staatsbibliothek verwahrt sind und der wissenschaftlichen Forschung neue und immer neue Erträge liefern. Dorow wiederum machte aus seiner Sammlung die mehrbändigen "Denkschriften und Briefe" (Berlin 1834 ff.) ebenso wie die "Faksimiles von Handschriften berühmter Männer und Frauen" (Berlin 1836 ff.) bekannt, die dem Sammler zugleich als eine Art Behelf zur Beglaubigung etwa zweifelhafter Autographen dienen konnten.

Goethe als Autographensammler. Von Universitätsprofessor Dr. Siegfried Reiter (Prag). In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A. Stargardt, Berlin. Jg. II, Nr. 6, November 1937.

Mit freundlicher Genehmigung der Firma J. A. Stargardt, Berlin.


"Aus der Musik- und Theaterwelt" – Die Autographensammlung Fritz Donebauer

Eberhard Köstler 

Vor 100 Jahren wurde die Autographensammlung von Fritz Donebauer (Prag) bei J. A. Stargardt versteigert.

"Die moderne Technik rückt unaufhaltsam vorwärts, schon tritt die Schreibmaschine mit Tinte und Feder überall erfolgreich in Wettbewerb. Eigenhändig geschriebene Briefe bedeutender Männer werden bald noch viel größere Raritäten werden als ehedem."[1]

Welches Klagelied würde der Verfasser dieser mit "Prag, Ende Februar 1908" datierten Zeilen, der Musikschriftsteller Richard Batka (1868-1922), erst heute anstimmen, wenn er sich außer mit der Schreibmaschine auch noch mit Telefon, Telefax, Computer und E-Mail konfrontiert sähe? Seine Einschätzung von der steigenden Seltenheit zeitgenössischer Autographen gilt heute noch viel mehr, als bei ihrer Veröffentlichung vor 100 Jahren.

Damals, genauer gesagt vom 6. bis zum 8. April 1908, wurde von der Firma J. A. Stargardt in Berlin eine der bedeutendsten Autographensammlungen des späten 19. Jahrhunderts versteigert, die "Sammlung Fritz Donebauer - Prag". Über die Geschichte dieser wichtigen Sammlung ist nicht sehr viel bekannt. Der hundertste Jahrestag der Versteigerung gibt Anlass, einmal etwas näher hinter die Kulissen zu blicken.

Der Bankier und Autographensammler Friedrich (gen. Fritz) Donebauer wurde am  28. Dezember 1849 in Samrsk (Zámrsk) unweit von Hohenmauth (Visoke Mytko) im Bezirk Chrudim in Böhmen als Sohn eines Gastwirtes geboren.[2] Ab 1878 lebte er in Prag. Fritz Donebauer war ein typischer sozialer Aufsteiger der k. k. Monarchie. Durch Ehrgeiz und Fleiß brachte er es bis zum "Kaiserlichen Rat" und "Oberbeamte der Filiale der k. k. priv. österreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe" am Graben 10 in Prag. Dort sorgte man für die "feuer- und einbruchsichere Verwahrung von Wertpapieren" sowie die "Verzinsung von Geldeinlagen gegen Einlagsbücher, Kassascheine und im Kontokorrent".[3] Sein Beruf und seine vielfältigen Interessen ließen ihm offenbar eine Familiengründung nicht als wünschenswert erscheinen; er blieb daher ledig. Seine Hauptbeschäftigung neben der beruflichen Tätigkeit bestand im Sammeln von qualitativ hochwertigen Dokumenten, Autographen und Bildzeugnissen zur Musik- und Theatergeschichte mit einem natürlichen Schwerpunkt auf Böhmen und Prag.

Die Initialzündung zu dieser ausgreifenden Sammeltätigkeit war durch Fritz Donebauers älteren Bruder Max[4] erfolgt, der sich als Münz- und Medaillen-Sammler einen bedeutenden Ruf erworben hatte.

→  Weiterlesen


"Zärter noch als Mädchenwangen | Streichl' ich ein geliebtes Buch ..." Zum Verhältnis zwischen Bibliophilie und Erotik

Eberhard Köstler

"Wir Bibliogreise wissen und träumen rückschmatzend noch von der Wollust frühdumpfen Umarmens der Diva Bibliophila."[1]

"Dem Buch werden heftig die Totenglöcklein geläutet, die Hiobsbotschaften über den multimedialen Analphabetismus häufen sich, das Lesen wird zum Privileg einer kulturellen Minderheit. Doch das Buch ist nicht nur Geisteswerk, es vermittelt nicht nur intellektuelle Inhalte, Information und Bildung, sondern es spendet auch sinnliches Vergnügen, eröffnet Abenteuer der Phantasie."[2]

Mit diesen Worten präsentiert sich die 1899 gegründete und gegenwärtig von Reinhard Wittmann geleitete "Gesellschaft der Bibliophilen" auf ihrer Internetseite. Bibliophilie versteht sich hier als Haltung, der es auf Sinnenfreude, gesteigerten Genuss, auf eine Hebung des Lebensgefühls ankommt.

Ist Bibliophilie also erotisch? Empfindet ein Buchliebhaber beim Sammeln und Betrachten seiner Sammlung Lust? Was ist eigentlich "erotisch"? Ein Antiquar ist wahrscheinlich nicht der geeignete Fachmann, um tiefschürfende philosophische und psychologische Fragen zu beantworten. Also muss eine laienhafte Annäherung für unser Thema wohl oder übel ausreichen.

Zunächst scheint klar zu sein: Erotik kann etwas mit Sex zu tun haben, muss es aber nicht. Andersherum wird ebenso ein Schuh daraus: Sex kann etwas mit Erotik zu tun haben, muss es aber auch nicht. Sex ist kein Ersatz für Erotik, Erotik ist kein Ersatz für Sex. Erotik ist aber immer ein Ausdruck der Lebensfreude, und ist überall da, wo uns etwas bewegt, erregt und befriedigt. Diese Vorstellung ist zumindest im europäischen Denken fest verwurzelt.

Für Platon ist Eros, der antike Gott der begehrlichen Liebe, die Personifikation des menschlichen Strebens nach dem Schönen, Wahren und Guten und der Helfer auf dem Weg zur Erkenntnis.

Sigmund Freud definiert Eros als menschlichen Lebenstrieb und damit als einen der beiden Primärtriebe, die das Verhalten des Menschen bestimmen. Sein Erosbegriff schließt alles ein, was auf Lustgewinn abzielt.

Goethe wird der verbreitete Ausspruch zugeschrieben: "Sammler sind glückliche Menschen." Der amerikanische Psychoanalytiker Werner Muensterberger geht hingegen in seiner brillanten Studie über das "Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft" vom genauen Gegenteil aus. Für ihn sind Sammler im Grunde ihres Herzens unglückliche Menschen, die mit dem Sammeln die in ihrer Kindheit wurzelnden Ängste, Verletzungen oder Einsamkeitsgefühle bekämpfen. Jeder Sammler ist für ihn ein Don Juan, der seine unüberwindbare Einsamkeit durch das Aufsuchen und die Hingabe an immer neue Objekte seiner Lust und Liebe überwinden will.

→  Weiterlesen





Adresse

  Eberhard Köstler
Autographen & Bücher oHG
Traubinger Straße 5 (Postanschrift)
Kirchenstraße 8 (Ladenanschrift)
82327 Tutzing

  +49 (0)8158 . 3658
  +49 (0)8158 . 3666

  info(at)autographs.de
vanbenthem(at)autographs.de

  www.autographs.de

Kontakt

Inhaber:
Eberhard Köstler und Dr. Barbara van Benthem

USt.-Nr.: DE 3012 10036
HRA 104084

Copyright 2016

Impressum

Facebook . Twitter . Instagram . Blog





    

Mitglied im Verband Deutscher Antiquare e.V. und in der International League of Antiquarian Booksellers (ILAB).