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"Ich liebe es, Alltag von meinen Helden um mich zu haben, eine Weihnachtskarte von Gottfried Benn, eine Telefonnummer von Harry Graf Kessler, und nun Schnitzler, der Schwerenöter, bei einem vorerst gescheiterten Schäferstündchen."

Florian Illies

 


Jenny Lind - Die "schwedische Nachtigall"

Die "Lost Letters" 1852 bis 1874 - Sonderkatalog

Madonna und Beyoncé, Ella Fitzgerald und Aretha Franklin, Anna Netrebko und Maria Callas – wir kennen und verehren die großen Stimmen und bemerkenswerten Frauen in der Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei ist der Starkult um die „großen Diven“ keine Erfindung der Gegenwart. Der große Star des 19. Jahrhunderts war Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“.

Jenny (Johanna Maria) Lind wurde 1820 in Stockholm als uneheliche Tochter von Anne-Marie Fellborg (1793–1856) und Nils Johan Lind (1798–1858) geboren. Sie wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, zeitweise in einer Pflegefamilie. Seit ihrem 10. Lebensjahr erhielt sie Gesangsunterricht und schon mit 20 Jahren wurde sie zur Hofsängerin und zum Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie in Stockholm ernannt – der Beginn ihres kometenhaften Aufstiegs, der sie auf die Bühnen der Welt führte. Der däni-sche Dichter Hans Christian Andersen verliebte sich in sie, Chopin verehrte sie, Johann Strauß und Giuseppe Verdi komponierten für sie, Donizettis „La Sonnambula“ wurde eine ihrer Glanzrollen. Jenny Lind sang vor dem schwedischen König ebenso wie vor Queen Victoria und Prince Albert.  Giacomo Meyerbeer holte die Künstlerin 1844 nach Berlin, wo sie im Salon ihrer Freundin Amalie Wichmann den Komponisten und lebens-langen Freund Felix Mendelssohn Bartholdy kennenlernte, mit dem sie 1845 im Leipziger Gewandhaus ein umjubeltes Konzert gab. Clara Schumann schrieb über sie:

„Nie habe ich in der Weise spielen gesehen als von ihr, es liegt ein eigner Zauber in all ihren Bewegungen, eine Grazie, Naivität, und ihr Gesicht – jeder einzelne Teil betrachtet – nicht schön zu nennen, ist doch von einer Anmut, ihr Auge so poetisch, daß man un-willkürlich ergriffen wird.“
Jenny Linds Ruf war legendär, sie wurde verehrt wie eine Heilige.  Als sie 1847 nach England aufbrach, versammelten sich Tausende ihrer schwedischen Landsleute, um sie zu verabschieden.  Von 1850 bis 1852 absolvierte Lind eine von P. T. Barnum organisierte Tournee durch die USA mit über 150 Konzerten. Sie stand im Zentrum eines Starrummels bis dahin unbekannten Ausmaßes. Zeitgenössische Illustrationen zeigen ein außer Rand und Band geratenes Publikum. Am Ende der Konzertreise heiratete die zum Mythos aufgestiegene Sängerin am 5. Februar 1852 in Boston den deutschen Komponisten Otto Goldschmidt (1829–1907).

Will man den Biografen glauben, reiste Jenny Lind als gefeierter Opernstar nach Amerika – und kehrte als Hausfrau und Mutter zurück:

„When Jenny Lind married Otto Goldschmidt she achieved two of her life’s ambitions: a happy marriage and a settled home. Both had seemed infinitely desirable and impossible during her years of fame. With the realization of the dream and her metamorphosis into Jenny Lind-Goldschmidt, the name she insisted on, I feel the Swedish Nightingale, that magical, elusive creature, vanishes. So my story ends, like all good fairy tales, with a wedding” (Dunsmure, S. 223).

Henry Scott Holland und William Smyth Rockstro gehen 1891 noch weiter: “We know that she did this in obedience to the rooted convictions of her innermost self” (S. 430).

So will es die dem biedermeierlichen Frauenideal verpflichtete Legende. Die in diesem Katalog erstmals in der deutschen Originalsprache abgedruckten und kommentierten Briefe, die Lind seit 1852, kurz nach ihrer Hochzeit mit Otto Goldschmidt, an ihre Freundin Amalie Wichmann schrieb, zeichnen indes ein anderes Bild. Die Briefe handeln von Eheglück, häuslichem Alltag, den Kindern Walter, Jenny und Ernst, aber eben auch sehr ausführlich von ausgedehnten Konzertreisen und beruflichen Verpflichtungen, die Jenny Lind nach ihrer Heirat wahrnahm, zumeist gemeinsam mit ihrem Ehemann Otto Goldschmidt. Beide sehnten sich nach der Geburt des ältesten Sohnes Walter 1853 da-nach, wieder als Künstler auf die Bühne zu treten. Beiden war bewusst, dass sie ihr Leben zunächst in Dresden, später in London nur durch die Musik finanzieren konnten. Jenny Lind-Goldschmidt war eine durch und durch „moderne“ Frau, die zu ihrer Zeit ihr Künstlertum und den Wunsch nach einer Familie gleichermaßen zu leben wusste. Davon legen die hier angebotenen „Lost Letters“ ein eindrucksvolles Zeugnis ab.

“Although Jenny Lind is by now almost a legendary figure, and although her memory has been kept alive to the present day, little in the way of new material has turned up in this century to add to what was already known about her” (Ware/Lockard, S. 9).

Der Sonderkatalog enthält 34 von insgesamt 39 Briefen, die Jenny von 1852 bis 1874 an ihre Freundin Amalie Wichmann in Berlin richtete. Bisher ist wenig über diese Briefe bekannt, die als “Lost Letters“ in die Forschung eingingen. Denn nach Jenny Linds Tod am 2. November 1887 gaben Freunde und Familienmitglieder ihre Korrespondenzen an Otto Goldschmidt zurück:

„Among the important material which Otto Goldschmidt must have seen and then re-turned to the Wichmann family in Berlin was undoubtedly the series of letters in German to Amalia Wichmann, spanning the years from 1845 to shortly before Amalia’s death in 1876” (Ware/Lockard, S. 9). 

Einige der vor 1852 verfassten Briefe fanden in stark gekürzter Form Eingang in die Bio-grafie von Holland und Rockstro, die 1891 mit Otto Goldschmidts Unterstützung er-schien. Die Briefe aus Jenny Linds späteren Jahren blieben jedoch unveröffentlicht und im Besitz der Familie Wichmann. Erst in den 1960er Jahren konnten sie von W. Porter Ware und Thaddeus C. Lockard jr. erworben und in einer sehr freien, teils ungenauen englischen Übersetzung unter dem Titel „The Lost Letters of Jenny Lind“ herausgegeben werden (London, Victor Gollancz, 1966). Die in deutscher Sprache geschriebenen Originalbriefe blieben verborgen, ungedruckt und nicht im Handel nachweisbar. Inte-ressant sind vor allem die im zweiten Teil der „Lost Letters“ und in unserem Sonderka-talog erstmals in der Originalsprache veröffentlichten Briefe aus den Jahren 1852 bis 1874:

„They furnish new information on Jenny’s own opinion of her abilities as a singer and artist, on her close union with her husband in marriage, on the years they spent together giving concerts in Europe, and on their retirement in England (Ware/Lockard, S. 11).”

Die “Lost Letters” schlagen ein neues Kapitel in der Jenny-Lind-Forschung auf, da sie die berühmte Sängerin, die man einen Popstar des 19. Jahrhunderts nennen kann, in ihren eigenen Worten und aus ihrer eigenen Perspektive von einer bisher unbekannten, zumindest wenig beachteten Seite zeigen. Sie werfen ein bezeichnendes Licht auf die über 30 Jahre nach ihrer Eheschließung und ihrem vermeintlichen Rückzug ins Privatleben, die Jenny Lind als Ehefrau, Mutter und als Künstlerin verbrachte.

Seit ihrem ersten Zusammentreffen im Oktober 1844 waren die Wichmanns für Jenny Lind wie eine Ersatzfamilie, deren Haus war ihr zweites Zuhause während der vielen Aufenthalte in Berlin. Sie nannte Amalie Wichmann ihre „wahre Mutter“, deren Ehemann Ludwig Wilhelm Wichmann verehrte sie wie einen Vater. Amalie Wichmann war die Tochter des Berliner Tonwarenfabrikanten Tobias Feilner (1773-1839); der Bildhauer Ludwig Wilhelm Wichmann (1788-1859) war ein Schüler Johann Gottfried Schadows, arbeitete für Karl Friedrich Schinkel, wirkte als Mitglied der Akademie der Künste und seit 1832 als Professor an der Berliner Kunstakademie. Die Wichmanns logierten im Feilner-Haus in der Hasenhegerstraße in Berlin-Kreuzberg, das Schinkel für Amalies Vater erbaut hatte. In ihrem berühmten Salon, einem Zentrum des kulturellen Lebens in Preußen, verkehrten alle wichtigen Künstler, Literaten und Musiker der Zeit von Giacomo Meyerbeer bis zu Felix Mendelssohn Bartholdy. Die „Lost Letters“ zwischen Jen-ny Lind und Amalie Wichmann führen demnach tief hinein in die Biografie und das See-lenleben der Sängerin, aber auch in das kulturelle Leben Berlins, wie es sich im Salon der Wichmanns manifestierte.

Jenny Lind - „Geliebte Amalie“. Die „Lost Letters“ 1852-1874. Sonderkatalog. Tutzing, November 2020.

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